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Die Französische Revolution

Das vorrevolutionäre Frankreich

1. Das absolutistische System

F√ľr den Ausbruch der Franz√∂sischen Revolution sind die Mi√üst√§nde des absolutistischen Systems verantwortlich, insbesondere die unterschiedliche Verteilung der Lasten: Geistlichkeit und Adel waren die privilegierten St√§nde (als 1. und 2. Stand gez√§hlt), sie bezogen ihren Lebensunterhalt ausschlie√ülich aus b√§uerlichen Abgaben und Leistungen sowie aus k√∂niglichen Pensionen, sie waren dar√ľber hinaus von Steuern teilweise befreit. Zwischen Adel und Bauern stand das B√ľrgertum der St√§dte, zusammen mit den Bauern als Dritter Stand (frz. Tiers √Čtat) gez√§hlt. Sein gro√üb√ľrgerlicher Teil war zwar durch die Wirtschaftspolitik des Merkantilismus reich geworden, forderte aber gerade aus dieser wirtschaftlichen Machtstellung heraus um so mehr politische Mitwirkung. Der kleinb√ľrgerliche Teil (Handwerker und Kleinh√§ndler) litt unter dem von den Gro√üb√ľrgern ausgehenden Konkurrenzdruck und trug vor allem an den allgemeinen wirtschaftlichen Schwierigkeiten der 1780er Jahre. Schon unter diesem Gesichtspunkt entstand eine politisch-soziale Spannung, die dem Mi√üverh√§ltnis in den lombardischen St√§dten des Hochmittelalters oder den deutschen Bischofsst√§dten des 13. Jahrhunderts √§hnlich war.

 

Zu diesen Spannungen traten die politischen Gedanken der Aufkl√§rung, wie sie wenige Jahre vorher in der Verfassung der Vereinigten Staaten formuliert wurden. Sie stilisierten die Reformunf√§higkeit des K√∂nigtums unter Ludwig XVI. zur absolutistischen Tyrannei hoch, obwohl gerade dieses K√∂nigtum durch eine F√ľlle von Instanzen (Gerichtsh√∂fe, Provinzialst√§nde etc.) daran gehindert war, eine absolute Macht im Stil der Denker des 16. und fr√ľhen 17. Jahrhunderts zu errichten.

Dem privaten Reichtum der b√ľrgerlichen Schichten stand der Bankrott des Staates gegen√ľber, dessen Ausgaben am Vorabend der Revolution die gesamten Einnahmen um 126 Millionen Livres (= 20% der Ausgaben) √ľberstiegen; allein die Aufwendungen f√ľr die Zinsen der Staatsschulden verschlangen schon √ľber die H√§lfte des gesamten Etats (318 Mill. Livres oder 63% der Einnahmen!). Als Gr√ľnde f√ľr diesen Staatsbankrott sind verschwenderische Hofhaltung (6% des Etats) zu nennen und eine Serie von au√üenpolitischen R√ľckschl√§gen und milit√§rischen Abenteuern - der Siebenj√§hrige Krieg brachte den Verlust der nordamerikanischen Kolonien an England, das franz√∂sische Engagement im amerikanischen Unabh√§ngigkeitskrieg auf Seiten der Amerikaner kostete an die 2 Milliarden Livres, die ausschlie√ülich durch Anleihen gedeckt wurden. Ende der 1780er Jahre waren die Quellen f√ľr die Aufnahme weiterer Schulden versiegt, der Staat war finanziell handlungsunf√§hig geworden. Eine generelle Steuerreform war unumg√§nglich geworden. Zu dieser Krise des Staates kam eine Wirtschaftskrise, die sich bereits 1770 angek√ľndigt hatte und 1778 voll zum Tragen kam. Sie √§u√üerte sich besonders im Mi√üverh√§ltnis zwischen Lohn- und Preissteigerungen: einem Preisanstieg von 65% (gegen√ľber dem Zeitraum 1726-41) standen lediglich Erh√∂hungen des Lohns von 22% gegen√ľber; die Folgen wurden noch dadurch versch√§rft, da√ü die Besteuerung bis an die Grenzen des Ertr√§glichen ging. Da auch die Pachtzinsen stiegen, war Grundbesitz auch f√ľr das Stadtb√ľrgertum eine sichere Anlage - immer mehr Bauern gerieten auf diese Weise in das Landproletariat.

Bei den st√§dtischen Unterschichten, den kleinen Handwerkern und Ladenbesitzern wirkte sich die "Schere" zwischen Preis- und Lohnsteigerung besonders gravierend aus. In Zeiten der Teuerung, d.h. der Ern√§hrungs- und Versorgungskrise, hervorgerufen durch die (das Gro√üb√ľrgertum beg√ľnstigende) Freigabe der Getreideausfuhr, durch Mi√üernten und Viehseuchen, verschlang allein der Brotpreis bereits bis zu 80% des Familieneinkommens. Er erreichte am 14. Juli 1789, am Tag der Erst√ľrmung der Bastille, den h√∂chsten Stand des Jahrhunderts.

Das System des k√∂niglichen Absolutismus hatte sich indessen bereits seit einiger Zeit gegen die feudalen Restaurations-bestrebungen des Adels zu behaupten. Sie √§u√üerten sich besonders in den "parl√®ments" (Parlamente), vom Adel besetzten k√∂niglichen Gerichten, vor allem in dem der Hauptstadt Paris. Diese Gerichte hatten die Aufgabe und das Recht, Gesetze und Erlasse des K√∂nigs zu registrieren und ihnen damit erst Rechtskraft zu verleihen. Die Gemeinsamkeiten mit dem gro√ü- b√ľrgertum ersch√∂pften sich jedoch in dieser Gegnerschaft. Der Adel der Parl√®ments war im wesentlichen alter Adel, der sich gegen den vom K√∂nig beg√ľnstigten neuen Briefadel abzuschotten suchte.

Die Weigerung des Parlement von Grenoble, die k√∂nigliche Verordnung zur Schaffung von k√∂niglichen Gro√üen Amtsgerichten, die die Kompetenzen des Parl√®ment stark eingeschr√§nkt h√§tte, zu registrieren, f√ľhrte (wie in Dijon, Pau und Rennes) im Juni

1788 zum offenen Aufruhr, der schlie√ülich Geistlichkeit, Adel und Mitglieder des dritten Standes zusammenbrachte. Sie forderten die unverz√ľgliche Einberufung der Generalst√§nde des K√∂nigreiches, um dem k√∂niglichen Machtanspruch zu begegnen.

Vor dieser drohenden Allianz des liberal denkenden Adels mit dem Gro√üb√ľrgertum kapitulierte das K√∂nigtum und setzte die Parl√®ments wieder in ihre alten Rechte ein. Diese Parl√®ments aber waren weiterhin vom alten Adel beherrschte Institutionen; sie waren nicht gewillt, mit dem Dritten Stand auch in Fragen der Gleichberechtigung weiter zusammenzuarbeiten.

2. Die Generalstände

Ein Ausweg aus der Finanzkrise des Staates, aus dem drohenden Staatsbankrott schien nur m√∂glich, wenn die Eink√ľnfte ‚Äď durch Gewinnung eines allgemeinen Konsenses - erh√∂ht w√ľrden. Durch die Rechte der Parl√®ments f√ľhrte an einer Einberufung der Generalst√§nde, die allein das Recht der Steuerfestsetzung hatten, kein Weg vorbei. Die Krone berief daher die Generalst√§nde ein (8. August 1788), die zum letzten Mal 1614 zusammengetreten waren. Nach Beschlu√ü des Pariser Parl√®ment (vom 21. September 1788) war die Versammlung in derselben Zusammensetzung wie 1614 einzuberufen, das hei√üt mit je 300 Abgeordneten des 1., 2. und 3. Standes. Am 5. Dezember wurde dem Dritten Stand eine Verdoppelung seiner Abgeordneten von 300 auf 600 Mitglieder zugestanden. Die Kernfrage des Abstimmungsmodus (nach K√∂pfen statt wie bisher nach St√§nden) wurde jedoch nicht ber√ľhrt. Abstimmung nach K√∂pfen und damit die Durchsetzung des Mehrheitsprinzips aber h√§tte die Stimmen- verh√§ltnisse eindeutig zu Gunsten des Dritten Standes verschoben, da zahlreiche geistliche Abgeordnete und die liberalen Vertreter des Adels mit dem Dritten Stand zusammen zu Reformen bereit waren.

Zur Vorbereitung der Wahl wurden von allen drei St√§nden Beschwerdehefte, "Cahiers de dol√©ance", verfa√üt, von denen die des Dritten Standes in den Urw√§hlerversammlungen diskutiert und zur Annahme beschlossen wurden; die Vertreter der Intelligenz waren schon in diesen Versammlungen die Wortf√ľhrer. Ber√ľhmt wurde die in diesem Zusammenhang entstandene Schrift des Abb√© Siey√®s "Qu'est-ce le Tiers √Čtat?". Die Existenz und weite Verbreitung dieser Cahiers zeigt das Fortschreiten des Pressefreiheit w√§hrend der Vorbereitungen zur Wahl.

In den Beschwerden, die in den Cahiers des Dritten Standes festgehalten wurden, spiegelt sich die Interessenlage des Gro√üb√ľrgertums, die Beschwerdepunkte und Reformforderungen von Kleinb√ľrgern und Bauern wurden oft gestrichen. Einhelligkeit gab es vor allem in folgenden Punkten:

-     Einschr√§nkung der Machtbefugnisse des K√∂nigs;

-     Schaffung einer nationalen Vertretung, die Steuern bewilligt und Gesetze beschlie√üt;

-     Schaffung gew√§hlter Provinzialst√§nde zur Verwaltung;

-     Neuordnung des Steuerwesens und des Staatshaushalts;

-      Garantie der Freiheit der Person und der Presse;

-      Abschaffung der innerfranz√∂sischen Zollschranken, was vor allem den Interessen des Gro√üb√ľrgertums entsprach.

3. ABB√Č SIEYES: ‚ÄěWAS IST DER DRITTE STAND?‚Äú

Emmanuel-Joseph Siey√®s (1748-1836), 1780 Generalvikar, 1788 Kanzler der Di√∂zese Chartres und Mitglied des Ersten Standes. Si√®yes schrieb seinen Aufsatz √ľber den Dritten Stand w√§hrend der Vorbereitungen zur Einberufung der Generalst√§nde im Jahre 1788. Er erschien im Januar 1789 im Druck.

In klaren, kurzen Fragen und Antworten entwirft er das Pro-gramm einer Bevölkerungsgruppe, die sich des Mißverhältnisses zwischen Macht und politischem Einfluß bewußt wird:

Was ist der Dritte Stand?

- Alles.

Was ist er bis jetzt in derPolitischen Ordnung gewesen?

- Nichts.

Was verlangt er?

- Etwas zu sein.

 

Im Anschlu√ü an diese Fragen stellt er fest, da√ü der Dritte Stand 25 Millionen Menschen vertrete und √ľber die Interessen der Nation berate, w√§hrend die anderen beiden St√§nde - mit der Vollmacht von ca. 200000 -nur an ihre eigenen Privilegien d√§chten. Da der Dritte Stand allein aber keine Generalst√§nde im herk√∂mmlichen Sinn bilden k√∂nne, m√ľsse er den Rang einer Nationalversammlung annehmen.

Kerns√§tze seiner Flugschrift sind neben der Identit√§t des Dritten Standes mit der Nation die Angriffe auf den Adel: f√ľr die Gesellschaft sei er nur eine Belastung, aber nicht von Nutzen, seine Privilegien seien - eben wegen seiner Nutzlosigkeit ‚Äď nicht mehr gerechtfertigt. Rousseaus Gesellschaftsvertrag entspricht seine Forderung, die Nation sei die einzige Quelle von Recht und Gesetz.

In der Formulierung des "Alleinvertretungsanspruchs" lag f√ľr die Folgezeit die Rechtfertigung f√ľr den Schritt der Versammlung des Dritten Standes, sich zur Nationalversammlung zu erkl√§ren. Siey√®s hatte an diesem Schritt neben Mirabeau wesentlichen, Anteil. Ebenso tragen die Erkl√§rung der Menschen- und B√ľrgerrechte und die Verfassung von 1791 wesentlich seine Handschrift.

B. Von den Generalständen zur Revolution

1. Die Formierung der Nationalversammlung (Constituante)

Von den 291 Mitgliedern des Klerus in den Generalst√§nden z√§hlten √ľber 200 zur "patriotischen Partei", die umfassenden Reformen aufgeschlossen gegen√ľber stand. Auch Tr√§ger hoher und h√∂chster kirchlicher W√ľrden waren darunter.

In der Gruppe des Adels dominierten allerdings die konservativen, auf Erhaltung ihrer Privilegien bedachten "Aristokraten". Zu ihnen gehörten von den 270 Abgeordneten 180, darunter durchaus auch Angehörige des "neuen" Amts- und des Niederen Adels. Die restlichen 90 Abgeordneten, meist zum Stand der adligen Großgrundherren zählend, gehörten zur "patriotischen Partei".

Unter der 578 Mitglieder starken Gruppe des Dritten Standes befanden sich weder Bauern noch Handwerker, sondern ausschlie√ülich Mitglieder des Gro√üb√ľrgertums; es liegt im Wesen der Sache, da√ü sie durchweg Reformen forderten.

Die Frage des Abstimmungsmodus nach St√§nden oder nach K√∂pfen war aufgrund dieser Kr√§fteverh√§ltnisse zu einer √úberlebens-frage des Ancien R√©gime geworden, da nur in der geschlossenen Abstimmung nach St√§nden der Adel (der den Klerus politisch f√ľhrte und in der Frage der Privilegien auf ihn z√§hlen konnte) seine √úberlegenheit ausspielen konnte.

Weder die Er√∂ffnungssitzung der Generalst√§nde am 5. Mai 1789 noch die folgenden Wochen brachten eine Entscheidung in der Frage des Abstimmungsmodus, K√∂nigtum und Adel taktierten hinhaltend. Da der Adel die Forderung des Dritten Standes, die Legitimation der Abgeordneten gemeinsam zu pr√ľfen, kategorisch ablehnte, erkl√§rten sich die Abgeordneten des Dritten Standes schlie√ülich in der "Erkl√§rung √ľber die Konstituierung der Versammlung" vom 17. Juni selbst zur "Nationalversammlung" und nahmen das Recht, Steuern zu genehmigen, f√ľr sich in Anspruch. Auf die Entscheidung des Klerus f√ľr gemeinsame Beratungen mit dem Dritten Stand hin (19. Juni) war das K√∂nigtum in die Defensive gedr√§ngt und versuchte, durch eine Schlie√üung des Versammlungsraums die gemeinsame Sitzung wenn nicht zu verhindern, so doch aufzuschieben. Die Abgeordneten tagten indessen in einem nebenan gelegenen Raum, dem Ballhaus (Jeu du Paume = Ballspiel). Durch den Affront des K√∂nigs in ihrem Selbstverst√§ndnis verletzt, erkl√§rten sie, sich niemals zu trennen und sich √ľberall zu versammeln, wo es die Umst√§nde erfordern sollten, bis die Verfassung errichtet sei (Ballhausschwur vom 20. Juni).

 

In der Thronsitzung vom 23. Juni wollte Ludwig XVI. die alten Beschl√ľsse √ľber getrennte Sitzungen durchsetzen und die Beschl√ľsse des Dritten Standes f√ľr nichtig erkl√§ren. Auf sein Gebot zur Aufl√∂sung der Versammlung indessen bekr√§ftigten die Abgeordneten des Dritten Standes ihren Beschlu√ü vom 20. Juni und traten damit in offenen Gegensatz zum K√∂nig (vgl. Heinrich von Kleists Aufsatz √úber die allm√§hliche Verfertigung der Gedanken beim Reden √ľber die Rolle Mirabeaus). Die realen Machtverh√§ltnisse zwangen den K√∂nig jedoch, am 27. Juni Adel und Klerus, soweit sie sich noch nicht mit dem Dritten Stand solidarisiert hatten, den Beitritt zur Nationalversammlung zu empfehlen.

 

Nachdem der König sich mit der Ausarbeitung einer Verfassung einverstanden erklärt hatte, konnte die staatsrechtliche Revolution als abgeschlossen betrachtet werden. Der Dritte Stand hatte den Kampf um die Anerkennung als gesetzgebende Körperschaft gewonnen. Die Ergebnisse dieser Entwicklung waren:

 

- das Königtum hatte den Weg des starren Festhaltens an der alten Ordnung verlassen und sich (notgedrungen) Konzessionen mit dem Dritten Stand zugewandt;

 die aus der Versammlung des Dritten Standes hervorgegangene Nationalversammlung erkl√§rte sich am 9. Juli zur "Verfassunggebenden Nationalversammlung" und verwies damit den K√∂nig in die Rolle eines Amtstr√§gers, der unter der Souver√§nit√§t des Volkes stand;

 die alte St√§ndegliederung war ‚Äď zumindest verfassungsrechtlich - aufgehoben zugunsten der einheitlichen Organisation in der Nationalversammlung, die politisch unter dem Einflu√ü des Dritten Standes stand;

- die alten Differenzen (Privilegien etc.) waren noch nicht ausgeräumt, mußten also mit oder ohne Kompromisse mit dem Ersten und Zweiten Stand bereinigt werden.

2. Der Druck der Massen

In der Hauptstadt hatten sich bereits w√§hrend der Vorbereitung zur Wahl der Generalst√§nde politische Clubs gebildet, die auch √ľber die Wahl hinaus bestehen blieben. Lebensmittelknappheit und Teuerung trugen im Sommer 1789 erheblich zur Mobilisierung der Massen in Paris und auf dem Lande bei. Truppenbewegungen, die Entlassung des liberalen Ministers Necker und die Berufung eines erkl√§rten Feindes der Revolution an dessen Stelle lie√üen einen Gegenschlag gegen die Revolution bef√ľrchten; es kam zu Unruhen in Paris und zur Bildung einer revolution√§ren Stadtverwaltung (Commune, 12. Juli) durch das Wahl-m√§nnerkollegium, d.h. durch die Gruppe, die, von den Urw√§hlern gew√§hlt, ihrerseits die Abgeordneten bestimmt hatten.

Sie konnten sich also insofern auf einen "demokratischen" Auftrag st√ľtzen. Bereits am folgenden Tag (13. Juli) wurde die B√ľrgermiliz gegr√ľndet. Um diese B√ľrgermiliz, die sowohl ein Schutz gegen die k√∂niglichen Truppen als auch gegen √úbergriffe aus dem Volk von Paris selbst sein sollte, mit Waffen auszustatten, st√ľrmte die Masse zun√§chst das Invalidenhaus, dann die schwach besetzte Bastille (14. Juli), letztere ohne nennenswerte Gegenwehr. Dennoch wurde in der Folgezeit der Sturm auf die Bastille zum Symbol der Revolution und des Sieges √ľber das Ancien R√©gime hochstilisiert.

Ludwig XVI. gab, um Zeit zu gewinnen, zun√§chst einmal nach. Er erkannte die Pariser Stadtverwaltung (Commune) unter dem Abgeordneten Bailly und die B√ľrgerwehr, sp√§ter Nationalgarde genannt, unter La Fayette an; da√ü er am 17. Juli selbst nach Paris kam, wurde von der Aristokratie als Unterwerfung und Dem√ľtigung unter die Revolution ausgelegt. Mit diesem Tag begann die Auswanderung des franz√∂sischen Adels. Die Pariser Bourgeoisie indessen hatte zun√§chst einen vollst√§ndigen Sieg davongetragen.

 

W√§hrend sich in den Provinzst√§dten B√ľrgerwehren und revolution√§re Stadtverwaltungen bildeten, die die alte k√∂nigliche Verwaltung abl√∂sten, griff auf dem Land die Unzufriedenheit, bedingt durch allgemeine Unruhe und die Versch√§rfung der Versorgungskrise, um sich. Ger√ľchte √ľber eine drohende Konterrevolution des Adels f√ľhrten zur allgemeinen Panik, in der sich die Bauern bewaffneten (La Grande Peur, die Gro√üe Furcht). Der daraufhin ausbrechende Aufstand lie√ü Schl√∂sser, Herrensitze und Kl√∂ster in Flammen aufgehen, Archive √ľber die verha√üten Feudallasten wurden vernichtet.

Die Nationalversammlung in Versailles wurde in diesen Unruhen unter Zugzwang gesetzt; um eine Ausweitung der √úbergriffe zu verhindern, erkl√§rte sie in der Nacht vom 4. auf den 5. August 1789 alle Feudallasten und Steuerprivilegien f√ľr abgeschafft. Standesunterschiede infolge verschiedener Privilegierungen wurden zugunsten der Rechtsgleichheit der franz√∂sischen Staatsb√ľrger aufgehoben, grundherrliche Sonderrechte (aus Besitz an Sachen und Menschen) oder Sonder-und Zwangs- gerichtsbarkeiten konnten durch Loskauf abgel√∂st werden.

Die am 26. August verk√ľndeten Menschen- und B√ľrgerrechte stehen in der Tradition sowohl von Aufkl√§rung und Naturrecht als auch der amerikanischen Verfassung. Sie bildeten zusammen mit der Abschaffung der Feudallasten den ersten Ansatz der Nationalversammlung, dem K√∂nigreich eine Verfassung zu geben. Besonders die Menschen- und B√ľrgerrechte wurden als integrierter Bestandteil 1791 in die Verfassung √ľbernommen.

Das Veto des K√∂nigs gegen die August-Beschl√ľsse traf zusammen mit dem Fortdauern der Versorgungsschwierigkeiten in der Hauptstadt. Das Volk von Paris, voran die Marktfrauen, marschierte nach Versailles, drang in die Nationalversammlung ein und zwang sowohl diese als auch den K√∂nig, nach Paris √ľberzusiedeln. Die Nationalversammlung war damit dem fortdauernden revolution√§ren Druck sowohl der Commune, der Stadtverwaltung, als auch des radikalisierten Volkes ausgesetzt. Hier waren es vor allem wieder die politischen Clubs, die in dieser Phase der beginnenden Radikalisierung als treibende Kraft wirkten (Club des Jacobins, Club des Cordeliers).

3. Die Verfassung von 1791

Die Verabschiedung der Verfassung von 1791 stand bereits unter dem Zeichen der sich versch√§rfenden Auseinandersetzung mit dem K√∂nigtum. Vorausgegangen war im Juni 1791 der Fluchtversuch Ludwigs XVI., der in Varennes durch seine Entdeckung scheiterte. Gr√ľnde f√ľr diese Flucht waren einmal seine prinzipielle Gegnerschaft gegen das Reformwerk der Revolution und gegen die Kirchenpolitik der Nationalversammlung, dann seine Position unter dem Druck der Pariser Volksmassen, schlie√ülich die Hoffnung, durch Intervention von au√üen die alten Verh√§ltnisse wiederherstellen zu k√∂nnen. Die k√∂nigliche Familie indessen wurde von Varennes im Triumphzug nach Paris zur√ľckgef√ľhrt und stand fortan unter Bewachung in den Tuilerien. Folge des Fluchtversuches war ein gro√üer Verlust an Vertrauen und Ansehen bei der Bev√∂lkerung und damit eine entscheidende Schw√§chung des monarchischen Gedankens.

 

Die Verfassung vom September 1791 gliederte Frankreich in 83 Departements, die alten, historisch gewachsenen Provinzen wurden aufgelöst. Die neuen Verwaltungseinheiten verwalteten sich ebenso wie Städte und Gemeinden selbst, alle Amtsträger wurden direkt gewählt.

Exekutive, Legislative und Justiz waren streng voneinander getrennt, der Einflu√ü der K√∂nigs war erheblich zur√ľckgedr√§ngt, wo er noch ein Vetorecht hatte, schob es Beschl√ľsse nur auf. Das politische Gewicht lag bei der Nationalversammlung, deren Zusammensetzung aufgrund des Zensuswahlrechts die Interessen der Bourgeoisie widerspiegelt: Es gab nur 60% der m√§nnlichen Bev√∂lkerung das aktive Wahlrecht (Aktivb√ľrger) und schlo√ü vor allem Arbeiter und Bedienstete aus, das passive Wahlrecht war an eine noch h√∂here Steuersumme gebunden. Nur 50000 B√ľrger erreichten diese Qualifikation, aus ihrer Mitte wurde das Wahlm√§nnerkollegium gew√§hlt, das seinerseits die Deputierten in die Nationalversammlung entsandte. Vergebens versuchte die demokratisch-republikanische Minderheit nachzuweisen, da√ü nur das allgemeine Wahlrecht der Zusicherung der pers√∂nlichen Freiheit f√ľr den einzelnen in der Erkl√§rung der Menschen- und B√ľrgerrechte entsprechen w√ľrde.

Ludwig XVI. schwor am 14. September den Eid auf die neue Verfassung, die Frankreich in eine konstitutionelle Monarchie umwandeln sollte. Die Chancen der Monarchie waren jedoch bereits vorher verspielt - ob durch die Unvereinbarkeit der Prinzipien oder durch die Selbst-Diskreditierung des Königtums, sei dahingestellt.


C. Die Herrschaft der Nationalversammlung

1. Die Gesetzgebende Nationalversammlung

Die vereitelte Flucht des K√∂nigs hatte deutlich gemacht, da√ü mit ihm keine durchgreifende √Ąnderung der bestehenden Verh√§ltnisse zu erreichen war. Das massive Drohen eines aristokratisch-royalistischen Komplotts, verbunden mit der Gefahr einer ausl√§ndischen Intervention (Erkl√§rung von Pillnitz, 27.8.1791) heizte die Volksstimmung sowohl gegen die Monarchie als auch gegen die gem√§√üigten Bef√ľrworter einer konstitutionellen Monarchie auf. In der Diskussion um den Fortbestand der Monarchie brach die "patriotische Partei" des B√ľrgertums in einen gem√§√üigten und einen radikalen Fl√ľgel auseinander (konservative Jakobiner = Feuillants, radikale Demokraten = Jakobiner - im neueren Sinn -).

 

Das neue Parlament, das sich Gesetzgebende Nationalversammlung (Assemblée nationale legislative) nannte, bestand aus folgenden Gruppierungen:

- 264 Abgeordnete, die weiterhin dem Prinzip der liberalen, konstitutionellen Monarchie, aber auch dem der Vorherrschaft der Bourgeoisie folgten und dem Club der Feuillants nahestanden;

- 136 "Linke", die dem Jakobinerclub nahestanden, unter ihnen auch Deputierte des Departements Gironde, die die Politik der

Fraktion prägten (daher der Name "Girondisten") - gleichfalls der Bourgeoisie angehörig, aber mit demokratischeren und

republikanischeren Gedanken als die Feuillants - nach dem Pariser Journalisten Brissot "Brissotins" genannt;

 

- zwischen beiden Gruppen stand die der Unabhängigen oder "Konstitutionalisten" mit 345 Abgeordneten, die wie die beiden

anderen auf der Seite der Revolution und des B√ľrgertums stand, aber die Politik nicht wesentlich beeinflu√üte;

- schlie√ülich auf der "√§u√üersten Linken" Bef√ľrworter des allgemeinen Wahlrechts, ohne politischen Einflu√ü in der

Nationalversammlung, daf√ľr um so mehr in den Clubs und Sektionen.

Dem demokratischen Selbstverständnis der Revolution entsprach es, daß eine Wiederwahl der bisherigen Abgeordneten ausgeschlossen war, die neue Gesetzgebende Versammlung stand also in keiner personellen Kontinuität mit der alten Verfassunggebenden Nationalversammlung.

F√ľr das politische Leben in der Hauptstadt wurden die Clubs immer wichtiger. Hier trafen sich die politisch Interessierten und die Abgeordneten. Ein wichtiger Grund f√ľr die zunehmende Radikalisierung des Jakobinerclubs k√∂nnte in dem geringeren Beitrag liegen, der es Kleinb√ľrgern und Handwerkern erm√∂glichte, an den Sitzungen teilzunehmen. Die 48 Pariser Sektionen, Wahlkreisen vergleichbar, trafen sich regelm√§√üig zu Vollversammlungen, um die politischen Geschehnisse mitzuverfolgen und zu diskutieren. Sektionen und Clubs konnten damit von au√üen einen nicht geringen Einflu√ü auf die Nationalversammlung aus√ľben, zumal der gr√∂√üere Teil der Abgeordneten ohne festumrissenes Programm war.

 

2. Der Beginn der Revolutionskriege

Vor allem die Girondisten betrieben den Revolutionskrieg als Mittel sowohl zur Ablenkung von den inneren Schwierigkeiten als auch zur Einigung der Nation. Sie wurden nur zu bereitwillig vom K√∂nig unterst√ľtzt, der in einem Krieg Frankreichs gegen das die Emigranten unterst√ľtzende Ausland - vor allem gegen √Ėsterreich als den Hort der Reaktion - ein wesentliches Mittel zur Schw√§chung der Revolution und zur Wiedererrichtung seiner alten Macht sah. Der Kriegserkl√§rung vom 20. April 1792 an den "K√∂nig von B√∂hmen und Ungarn" (also nicht an das Deutsche Reich) folgten bald die ersten franz√∂sischen Niederlagen und R√ľckz√ľge. Die Stimmung in den Sektionen richtete sich mehr und mehr gegen den K√∂nig, dessen Doppelspiel durchschaut wurde.

3. Der Aufstand vom 10. August

Als Befehlshaber der √∂sterreichischen Truppen richtete der Herzog von Braunschweig ein von Emigranten verfa√ütes "Manifest" an die Bev√∂lkerung von Paris (am 1. August bekanntgeworden), in dem in drohendem Ton blutige Vergeltung angedroht wurde, falls die K√∂nigsfamilie Schaden erlitte. Gleichzeitig wurde der Druck der Sektionen, die eine Abschaffung des K√∂nigtums forderten, auf die Gesetzgebende Versammlung immer st√§rker. Da die Girondisten aber weiterhin mit dem K√∂nig zu einer Einigung zu kommen suchten, setzten die Sektionen ihre Ziele im Aufstand vom 10. August 1792 durch: die bisherige Stadtverwaltung wurde durch eine neue, von den Sektionen bestimmte ersetzt, das Volk st√ľrmte die Tuilerien, der K√∂nig begab sich in den Schutz der Gesetzgebenden Versammlung. Die setzte ihn zwar noch nicht ab, enthob ihn aber vorl√§ufig seines Amtes.

Im Aufstand vom 10. August zeigte sich sowohl die Unfähigkeit der Feuillants, deren mäßigender Einfluß auf die Revolution gescheitert war, als auch der Girondisten, die zu lange mit dem Königtum zu einer Einigung kommen wollten. Sieger blieben die Sektionen und die von ihr berufene revolutionäre Kommune. Sie setzten auch die Auflösung der Gesetzgebenden Versammlung und die Ausschreibung von Neuwahlen nach allgemeinem und gleichem Wahlrecht durch.

Der preu√üische Vormarsch auf die Hauptstadt kostete in einem Akt revolution√§rer Rache in Paris 1100 politischen Gefangenen das Leben, der Vormarsch selbst kam w√§hrend eines strategisch unbedeutenden Gepl√§nkels vor Valmy zum Stillstand ("Kanonade" von Valmy, 20. September -siehe Goethes Darstellung in "Campagne in Frankreich" unterm 19. September) ‚Äď das alte System hatte seine Schw√§che und innere Zerr√ľttung, das neue seine St√§rke, die auf der Erhebung des ganzen Volkes beruhte, bewiesen.

Zentrum der Macht wurde, je mehr die Gesetzgebende Versammlung mit ihren eigenen, inneren Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, die aus 277 Vertretern der Sektionen bestehende Commune, die sich als "eigentliche" Vertretung der revolutionären Volks-massen empfand.

4.   Der Proze√ü gegen Ludwig XVI. und der Machtkampf zwischen Gironde und Montagne

Die Neuwahlen im Sommer 1792 brachten noch der gem√§√üigten Gironde eine klare Mehrheit, die radikalen Demokraten, nach ihren Sitzen auf den oberen R√§ngen "Montagne" (Berg) genannt, blieben in der Minderheit. Sie vertraten haupts√§chlich das Volk von Paris und mu√üten sich, um ihren Einflu√ü geltend zu machen, vor allem auf die Pariser Commune und die Jakobinerclubs st√ľtzen. Zwischen beiden Gruppierungen standen - wie bereits in der Gesetzgebenden Versammlung - die Unentschlossenen, ver√§chtlich "Marais" (Sumpf) genannt. Zum f√ľhrenden Kopf stieg Danton auf, der zun√§chst innerhalb der von der Gironde gebildeten Regierung das Justizministerium √ľbernahm, zugleich aber das Vertrauen der Commune besa√ü. Seine Gegenspieler waren Robespierre und Marat, die eine radikale Gleichheitstheorie verfochten.

Die neu zusammengetretene Versammlung nannte sich National-konvent, sie erkl√§rte in ihrer ersten Sitzung am Tag nach der Kanonade von Valmy, dem 21. September 1792, das K√∂nigtum f√ľr abgeschafft und Frankreich zur Republik.

 

Wesentlicher Punkt der Auseinandersetzung war im Herbst 1792 der Prozeß gegen Ludwig XVI. Die Gironde versuchte, die Verurteilung hinauszuzögern, wenn nicht abzuwenden, während Sansculotten und Jakobiner in der Verurteilung und Hinrichtung des Königs die notwendige logische Konsequenz aus der "Revolution" vom 10. August sahen. Mit 387 gegen 334 Stimmen wurde am 15. und 16. Januar 1793 das Todesurteil gefällt und am 21. Januar vollstreckt.

 

Das Verhalten der Gironde im Proze√ü brachte einen gro√üen Teil des Marais auf die Seite der Montagne und der Jakobiner, bei denen sich die Auffassung durchsetzte, da√ü die wachsenden Schwierigkeiten nur durch die Errichtung einer radikalen Republik gemeistert werden k√∂nnten. Der Machtkampf zwischen beiden Parteien spitzte sich unter dem Einflu√ü der wirtschaftlichen Lage, des ausbrechenden B√ľrgerkrieges (vor allem in der Vendee von unzufriedenen Bauern gef√ľhrt) und einer Reihe milit√§rischer Niederlagen weiter zu.

 

Die Sansculotten als Wortf√ľhrer der Pariser Massen forderten dirigistische staatliche Ma√ünahmen, um die Not der Armen zu lindern (Preisstop, Fest- und H√∂chstpreise - Maxima -, Beschlagnahme von Getreidevorr√§ten etc.). Unter diesem Druck mu√üte auch die Montagne H√∂chstpreise f√ľr Getreide und Mehl durchsetzen (Mai 1793). Organe der Montagne (und der Sansculotten) im Kampf um die Ziele der Revolution wurden das Revolutionstribunal des Konvents (ein vom Konvent errichteter Sondergerichtshof) und der am 6. April erstmals errichtete Wohlfahrtsausschu√ü zur Kontrolle der Ministerien. Die Montagne hatte damit zwei Instrumente in der Hand, um mi√üliebige politische Gegner, haupts√§chlich auf der Seite der Gironde, auszuschalten.

 

Die Gegnerschaft sowohl der Montagne als auch der Sansculotten gegen die Gironde, die in den Provinzen offen die Konter- revolution betrieb (vor allem in Bordeaux und in Lyon), √§u√üerte sich schlie√ülich in einem organisierten Aufstand der Jakobiner. Zusammen mit den Sansculotten versuchten sie erstmals am 31. Mai, dann endg√ľltig am 2. Juni 1793, die Gironde zu entmachten: Der Konvent wurde von Nationalgardisten umstellt, 29 Abgeordnete der Gironde und zwei ihrer Minister wurden verhaftet. Die Montagne hatte damit den Sieg √ľber die gem√§√üigte Gironde errungen. Als n√§chstes stellte sich ihr allerdings das Problem, die Hoffnungen der Sansculotten auf eine soziale Demokratie herunterzuschrauben, ohne sie zu verprellen oder gar wieder in die Arme der Gironde zu treiben.

 

Der Widerstand der Gironde-Anh√§nger in der Provinz ging zusammen mit einem mehr oder weniger offenen Vortreten der aristokratischen Reaktion. Er √§u√üerte sich im Sommer 1793 in Aufst√§nden gegen die Pariser Zentralregierung, wurde aber von Truppen des Konvents niedergeschlagen. Zur selben Zeit wurden die wichtigsten F√ľhrer der Montagne Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses, der immer mehr zum wichtigsten Machtorgan wurde und dessen F√ľhrung Robespierre √ľbernahm.

D. Die Diktatur der Jakobiner - Die Schreckensherrschaft

1. Die Politik des Terrors

Dem zun√§chst von √Ėsterreich und Preu√üen gef√ľhrten Koalitionskrieg waren im Laufe des Jahres 1793 England, Holland, Spanien, Sardinien, Neapel, Portugal und das Deutsche Reich beigetreten. Die Widerstandsbewegungen in der Provinz konnten nur durch "Kommissare" der Montagne und durch die Hilfe regul√§rer Truppen niedergeschlagen werden. Am 4. und 5. September 1793 schlie√ülich kam es zu Massendemonstrationen in Paris und zur Besetzung des Konvents, um die Ziele von Sansculotten und Sektionen durchzusetzen. Der Konvent beugte sich und erkannte am 5. September die Notwendigkeit des "revolution√§ren Terrors" zur Sicherung der Revolution gegen alle verf√§lschenden Kompromisse an, lehnte aber weiterhin eine allgemeine Preisbegrenzung ab. Der Terror schlie√ülich wurde am 17.9. durch das "Gesetz √ľber die Verd√§chtigen" legalisiert.

Die vom Konvent - unter dem Druck der Pariser Massen - beschlossenen Instrumente des Wohlfahrtsausschusses und der in

die Provinzen und zum Heer gesandten "Kommissare" waren mit diktatorischen Vollmachten ausgestattet; mit ihnen begann eine gro√üe "S√§uberungsaktion" Frankreichs. Opfer der Revolutions-tribunale wurden zun√§chst die K√∂nigin Marie-Antoinette (16. Oktober), dann 21 F√ľhrer der Gironde, schlie√ülich der Herzog von Orleans (6. November) und weitere Girondisten.

 

Dem wachsenden Einflu√ü der Sansculotten entsprach auch der Kampf gegen die Kirche, der auf drei Ebenen gef√ľhrt wurde:

- die Geistlichen standen fast ausnahmslos dieser Phase der Revolution ablehnend gegen√ľber, - das Kirchengut konnte zur Deckung der Staatsschulden herangezogen werden (St√ľtzung des Assignatenkurses) und

 an die Stelle des christlichen Glaubens trat eine republikanische Ersatzreligion (Kult des h√∂chsten Wesens, Tempel der Wahrheit), an die Stelle des christlichen Kalenders ein Revolutionskalender mit dem 21. September 1792 als Beginn der neuen Zeitrechnung.

Den immer noch ungel√∂sten und weiter sich versch√§rfenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten versuchte der Konvent mit dem Dekret √ľber die Revolutionsregierung (4. Dezember 1793) zu begegnen, das alle Macht endg√ľltig dem Wohlfahrts- und Sicher- heitsausschu√ü zusprach.

Ziele der Politik des Schreckens waren:

- die Herstellung der Einheit der Nation im Zeichen von Gerechtigkeit und Tugend und ohne Klassengegensätze,

- die Beseitigung sozialer Mißstände (dies vor allem auf Druck der Sansculotten),

- die Durchsetzung der Erfordernisse der Kriegswirtschaft, um alle Kr√§fte der Nation zur F√ľhrung des Krieges zu mobilisieren (23. August 1793 lev√©e en masse, 29. September H√∂chst-preisverordnung).

 

Die Revolutionsregierung entfernte sich indessen durch die Ausschaltung der politischen Gegner sowohl auf der radikaldemokratischen Seite (Club der Cordeliers, Hinrichtung der F√ľhrer am 24. M√§rz) als auch auf der gem√§√üigten Seite (Hinrichtung Dantons u.a. am 5. April 1794) von den Massen.

Ein fehlgeschlagener Anschlag auf Robespierre (3./4. Juni) gab den Anlaß zu einer neuerlichen Verschärfung des Terrors in einer Reform des Revolutionstribunals, die Voruntersuchung und Verteidigung abschaffte und nur Freispruch oder Todesurteil zuließ (La Grande Terreur -der große Schrecken, 10. Juni). Während vom März 1793 bis zum 10. Juni 1794 1251 Hinrichtungen stattfanden, waren es vom 10. Juni bis zum 27. August 1376.

2. Der Sturz Robespierres

Die strenge staatliche Bevormundung durch die Kriegswirtschaft der Revolutionsregierung verst√§rkte den Widerstand gegen Robespierre auch innerhalb der eigenen Reihen. Die Siege der Revolution gegen √§u√üere und innere Feinde lie√üen eine weitere Fortf√ľhrung der bisherigen Politik nicht mehr notwendig erscheinen, Robespierre schien nur noch der Diktator, der seine eigene Macht festigen wollte. Im Konvent bildete sich eine Opposition aus rechten Jakobinern und Gem√§√üigten, die am 27. August eine Anklageschrift gegen Robespierre ohne Gegenstimme durchbrachte. Ein spontan inszenierter Aufstand der Kommune scheiterte, Robespierre und 22 andere wurden bereits am n√§chsten Tag hingerichtet. Bis zum 30. August folgten weitere 105 seiner Anh√§nger.

 

Das Besitzb√ľrgertum nahm die Macht wieder an sich und hob schrittweise die staatlichen Ma√ünahmen zur Durchsetzung der Zwangswirtschaft auf. Der Jakobinerklub wurde geschlossen. Der Wohlfahrtsausschu√ü behielt nur noch in der Au√üenpolitik ein Mitspracherecht. Ein Aufstand von Sansculotten im April/Mai 1795 wurde blutig niedergeschlagen. In den Provinzen w√ľtete der "wei√üe Terror" gegen die Anh√§nger der Jakobiner. Die Bourgeoisie schien zwar der bessere Garant eines gesellschaftlichen Gleichgewichts zu sein, doch war von vornherein eine R√ľckkehr zu den Zust√§nden von vor 1789 ausgeschlossen.

 

Der Konvent l√∂ste sich nach der Annahme einer Direktorialverfassung am 23.9.1795 auf, die Spitze des Staates bildete fortan das aus f√ľnf Direktoren gebildete Direktorium, die neue Nationalversammlung wurde nach der Verfassung zu zwei Dritteln aus den Mitgliedern des alten Konvents gebildet, hier hatten die gem√§√üigten Republikaner die Mehrheit. Das Wahlrecht zur Nationalversammlung war wieder ein Zensuswahlrecht, das die Besitzb√ľrger einseitig beg√ľnstigte und die √§rmeren Schichten vom politischen Leben ausschlo√ü. Bei der Niederschlagung eines royalistischen Aufstandes im Oktober 1795 tat sich ein junger General namens Napoleon Bonaparte durch besonders r√ľcksichtslosen Gebrauch der Artillerie hervor.

 

Aber auch die Republikaner waren nicht in der Lage, den Staatsbankrott abzuwenden; die v√∂llig entwerteten Assignaten, Anweisungen auf verstaatlichtes Kirchengut, wurden am 19.2.1796 endg√ľltig abgeschafft. Auch die Republikaner errichteten im Staatsstreich vom 4.9.1797 eine diktatorische Regierung, konnten indessen ihren raschen Prestigeverlust nicht aufhalten. Der Staatsstreich Napoleons vom 18. Brumaire (9.11.1799) war daher die folgerichtige Antwort auf die Unf√§higkeit des Direktoriums. St√ľtze seiner Macht war aber neben dem Gro√üb√ľrgertum, dessen wirtschaftliche Rechte er unangetastet lie√ü, die Armee, die er auf den europ√§ischen Kriegsschaupl√§tzen von Sieg zu Sieg f√ľhrte.

E. Die bleibenden Errungenschaften der Revolution

1.   Von der St√§ndegesellschaft zur Nation gleichberechtigter B√ľrger

Das Ancien R√©gime Ludwigs XVI. war zur L√∂sung der Finanzkrise unter dem Vorsatz angetreten, die seit 1614 nicht mehr einberufene St√§ndeversammlung √ľber eine Finanzreform beraten zu lassen. Es war aber zun√§chst nicht bereit, dem mit dem gestiegenen wirtschaftlichen Potential des B√ľrgertums gewachsenen politischen Selbstbewu√ütsein des Dritten Standes nachzukommen. K√∂nigtum, Adel und Parlement gestanden dem Dritten Stand zwar eine Verdoppelung seiner Abgeordnetenzahl, aber nicht das entscheidende Mehrheitsstimmrecht zu.

Nach der Erkl√§rung zur einzig legitimen Nationalversammlung schaffte der Dritte Stand die feudalen Standesprivilegien ab und erhob die - aus Aufkl√§rung und Naturrecht herkommenden - Menschen- und B√ľrgerrechte zum obersten Verfassungsprinzip.

Immer noch war aber das Wahlrecht an Besitz gekn√ľpft. Diese Ungleichheit zu beseitigen blieb Sache der unter dem Druck der Massen stehenden Jakobiner. Verwaltungs- und milit√§rische Posten waren allen Franzosen offen geworden, die Verwaltung der Departements und Gemeinden wurde streng demokratisch organisiert. Es bedurfte allerdings noch einiger Zeit, bis der Gedanke der absoluten Rechtsgleichheit sich nach der b√ľrgerlichen Restauration allgemein durchsetzen konnte.

Von der politischen Gleichberechtigung zu trennen ist der Charakter des Staates, der im Absolutismus Ludwigs XVI. in der Person des Königs und im Hof seinen Kristallisationspunkt fand, vom Nationalkonvent im September 1792 aber als "eine, unteilbare Republik" der Franzosen konstituiert wurde. Diese Bestimmung der Einheit und Unteilbarkeit war in Zukunft Bestandteil aller Verfassungen Frankreichs.

2.   Die Verfassung von 1791 als Modell eines liberalen Rechts- und Verfassungsstaates

Die Verfassung von 1791 baute im wesentlichen auf drei Prinzipien auf, die bis heute als Muster der Ver-fassungsentwicklung gelten können:

- √ľbergeordneter Rang der Menschen- und B√ľrgerrechte (der Verfassungstext legte dann die einzelnen B√ľrgerrechte ausdr√ľcklich fest),

- alleinige Gesetzgebungsbefugnis der Nationalversammlung,

- Gewaltenteilung in Exekutive, Legislative und Justiz ohne gegenseitige Einflußnahme.

Bereits die Aufhebung der feudalen Sonderrechte zeigte mit der Abschaffung der feudalen Gerichtsbarkeiten einen vierten Punkt:

- Rechtsgleichheit aller B√ľrger (F√ľr keinen Teil der Nation ... gibt es mehr irgendein Privileg oder eine Ausnahme vom gemeinsamen Recht aller Franzosen).

Die Verfassung der konstitutionellen Monarchie belie√ü den K√∂nig nicht mehr in einer √ľbergesetzlichen Stellung (L'√Čtat c'est moi), sondern stellte das Gesetz √ľber ihn (Es gibt in Frankreich keine Autorit√§t, die √ľber dem Gesetz steht. Der K√∂nig regiert nur durch dieses. Der K√∂nig selbst ist ... von Gottes Gnaden und durch das Verfassungsgesetz des Staates K√∂nig der Franzosen).

3. Die Armee

Die patriotische Begeisterung f√ľr die Sache der Revolution und f√ľr die Verteidigung des Vaterlandes wirkte sich in der Organisation der Armee aus. Sie bestand haupts√§chlich aus Freiwilligen und war Instrument der Revolution selbst; infolgedessen fiel die Identifizierung mit ihr leicht. Sie stand selbst innerhalb der revolution√§ren Propaganda. Gegen√ľber den auf starren Drill ausgerichteten Armeen der Koalition hatte sie weder Deserteure noch Versorgungsprobleme zu f√ľrchten. Sie konnte der unbeweglichen Schlachtordnung deshalb eine weitaus beweglichere Kampftechnik entgegenstellen (Tirailleurtaktik) und zeigte darin ihre √úberlegenheit.

Die Armee war au√üerdem Tr√§gerin des missionarischen Gedankens der Revolution und hatte von den Organen der Revolution den Auftrag, sowohl das alte System (besonders √Ėsterreich als Hort der Reaktion) zu st√ľrzen, als auch den "unterdr√ľckten V√∂lkern" die Freiheit zu bringen. Bezeichnend hierf√ľr ist die Ausrufung von Republiken in den eroberten Gebieten (siehe Zeittafel).

F. Probleme und Schwierigkeiten der Revolution

Das Hauptproblem, das die ganze Revolutionszeit durchzog, war das Aufeinandertreffen von innerer Dynamik und √§u√üeren Ereignissen: jene hervorgerufen durch die sozialen Spannungen, die auch die Tr√§ger der Revolution (bes. die Gironde) nicht zu beseitigen vermochten, diese durch die Revolutionskriege, die als Mittel revolution√§rer Politik angesehen wurden, aber zur√ľckwirkend wieder die Politik der Revolution beeinflu√üten.

Die sozialen Differenzen entstanden fast gesetzm√§√üig im Verlauf der Revolution, da die Interessen des Gro√üb√ľrgertums und der Handwerker und Arbeiter zwangsl√§ufig kollidieren mu√üten. Die Pariser Massen, besonders die Sansculotten, erhoben weit radikalere Forderungen, was die Reform des Wirtschaftslebens anging, als die Bourgeoisie, sie setzten aber vor allem diese radikalen Forderungen auch mit Druck und Gewalt durch. Das B√ľrgertum verhielt sich demgegen√ľber zur√ľckhaltender, da eine Politik der Preisbeschr√§nkungen und Zwangsbewirtschaftung ihren (liberalen) Interessen widersprach. Auch die Kriegswirtschaft mit ihrem staatlichen Zwang diente mehr den Interessen des Gro√üb√ľrgertums als der st√§dtischen Massen. Da das B√ľrgertum sich die Machtmittel zu erhalten verstand, mu√üten die Sansculotten letztendlich unterliegen, auch wenn sich die radikalen Jakobiner zeit weise ihre Forderungen zu eigen machten.

Ausdruck dieser Differenzen ist der Zwiespalt zwischen Verfassungstheorie und politischer Wirklichkeit, wie sie sich in der Ausformulierung des Wahlrechts widerspiegelt. Trotz der formulierten Rechtsgleichheit beruhte die Volkssouveränität nach der Verfassung von 1791 auf dem Nachweis von Besitz, der erst das Wahlrecht brachte.

Durch die Radikalisierung war die Revolution insofern zum Scheitern verurteilt, als sie die politischen und wirtschaftlichen Probleme Frankreichs nicht mit L√∂sungskonzepten anging, sondern durch revolution√§ren Schwung zu √ľberdecken suchte. Je mehr der Wohlfahrtsausschu√ü daher zu Unterdr√ľckungsmechanismen griff, um so mehr verst√§rkte er den Widerstand gegen seine Politik. Die Reaktion der Bourgeoisie und die Hinrichtung Robespierres sind daher letztlich nur die Antwort auf diese Radikalisierung.

5. Napoleon - Bruch mit der Revolution oder Kontinuität?

Da die Frage nach der revolutionären Kontinuität der napoleonischen Herrschaft sich nicht eindeutig mit ja oder nein beantworten läßt, ist zu diskutieren, inwieweit Napoleon in der revolutionären Tradition steht: einerseits zeigen sich wohl Punkte, die ihn direkt in die Nachfolge der Revolution stellen, andererseits werden aber auch Punkte deutlich, in denen er sich vom Gedankengut der Revolution entfernt; zum dritten schließlich sind auch Bereiche zu nennen, die sich nicht eindeutig in die Rubriken Kontinuität oder Bruch einreihen lassen.

Napoleon behielt folgende Errungenschaften der Revolution bei:

-     b√ľrgerlicher Charakter der Gesellschaft mit allgemeinem Staatsb√ľrgertum und pers√∂nlicher Rechtsgleichheit;

-     Sicherung der pers√∂nlichen Freiheit;

-     privatkapitalistischer Charakter der Wirtschaft mit Aufstiegsm√∂glichkeit f√ľr jeden;

-     zentralistischer Charakter des Staatsaufbaus und

-     Beibehaltung der Verwaltungsorganisation.

Dagegen entfernte er sich in folgenden Punkten z.T. erheblich von den Gedanken der Revolution:

-     Einschr√§nkung der politischen Freiheit, der Rechte der selbst√§ndigen Mitwirkung und Mitbestimmung;

-     Ersetzung der allgemeinen und freien Wahlen durch ein scheindemokratisches Plebiszit;

-     Wiedereinf√ľhrung der Monarchie.

Zu ber√ľcksichtigen sind indessen die ver√§nderten Verh√§ltnisse, die geradezu nach einem "starken Mann" verlangten, der das unbeliebte Direktorium mit seinen Mi√üerfolgen beseitigte und durch eine milit√§risch begr√ľndete Machtposition Frankreichs ersetzte. Insofern steht Napoleon also in unmittelbarer Kontinuit√§t des nationalen Gedankens, wie er am Beginn der Revolutionskriege in patriotischer Begeisterung aufkam.

 

In folgenden Punkten mu√ü die Frage nach der Kontinuit√§t differenziert gesehen werden: Die Kirche mu√üte zwar auf die durch die Revolution s√§kularisierten G√ľter verzichten, konnte aber ihre Wirkung - sogar mit Hilfe des Staates - frei entfalten;

Die Mehrzahl der emigrierten Adligen kehrte nach Frankreich zur√ľck, mu√üte aber die Besitzver√§nderungen anerkennen - ihr neuer Platz war in der b√ľrgerlichen Gesellschaft, nicht mehr innerhalb eines privilegierten Standes;

 

Die Verwaltung wurde zwar in ihrer Organisation beibehalten, aber ausschlie√ülich von oben gesteuert: Pr√§fekten und B√ľrgermeister wurden von der Zentralregierung in Paris ernannt, das demokratische Element im Verwaltungsaufbau trat zugunsten eines zentralistischen Elements zur√ľck.

 

In der Au√üenpolitik wurde als Erbschaft der Revolution die Politik der "nat√ľrlichen Grenzen" Frankreichs, die durch Eroberungen zu gewinnen waren, fortgesetzt, sie diente aber mehr und mehr den Zielen eines milit√§risch- politischen Expansionsstrebens, das schlie√ülich 1814/15 auf seinem H√∂hepunkt zusammenbrach.

 

Die Wirtschaftsordnung blieb zwar von merkantilistischen Prinzipien und den Schranken der St√§ndeordnung befreit, bevorzugte aber ausschlie√ülich das gehobene B√ľrgertum, w√§hrend f√ľr die unteren Schichten die Ungleichheit fixiert war