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IMMANUEL KANT
Zum ewigen Frieden (1795)
Artikel zum ewigen Frieden
Das Völkerrecht soll auf einen Föderalism freier Staaten gegrĂŒndet sein.

Völker als Staaten können wie einzelne Menschen beurteilt werden, die sich in ihrem Naturzustande (d. i. in der UnabhĂ€ngigkeit von Ă€ußeren Gesetzen) schon durch ihr Nebeneinandersein lĂ€dieren, und den jeder um seiner Sicherheit willen von dem anderen fordern kann und soll, mit ihm in eine der bĂŒrgerlichen Ă€hnliche Verfassung zu treten, wo jedem sein Recht gesichert werden kann. Dies wĂ€re ein Völkerbund, der aber gleichwohl kein Völkerstaat sein mĂŒĂŸte. Darin aber wĂ€re ein Widerspruch: weil ein jeder Staat das VerhĂ€ltnis eines Oberen (Gesetzgebenden) zu einem Unteren (Gehorchendem, nĂ€mlich dem Volk) enthĂ€lt, viele Völker aber in einem Staate nur ein Volk ausmachen wĂŒrden, welches (da wir hier das Recht der Völker gegeneinander zu erwĂ€gen haben, sofern die so viel verschiedene Staaten ausmachen und nicht in einem Staat zusammenschmelzen sollen) der Voraussetzung widerspricht.

Gleichwie wir nun die AnhĂ€nglichkeit der Wilden an ihre gesetzlose Freiheit, sich lieber unaufhörlich zu balgen, als sich einem gesetzlichem, von ihnen selbst zu konstituierenden Zwange zu unterwerfen, mithin die tolle Freiheit der vernĂŒnftigen vorzuziehen, mit tiefer Verachtung ansehen und als Rohigkeit, Ungeschliffenheit und viehische AbwĂŒrdigung der Menschheit betrachten, so, sollte man denken, mĂŒĂŸten gesittete Völker (jedes fĂŒr sich zu einem Staat vereinigt) eilen, aus einem so verworfenen Zustande je eher desto lieber herauszukommen: statt dessen aber setzt vielmehr jeder Staat seine MajestĂ€t (denn VolksmajestĂ€t ist ein ungereimter Ausdruck) gerade darin, gar keinem Ă€ußeren gesetzlichen Zwange unterworfen zu sein, und der Glanz seiner Oberhauptes besteht darin, daß ihm, ohne daß er sich eben selbst in Gefahr setzen darf, viele Tausende zu Gebot stehen, sich fĂŒr eine Sache, die sie nichts angeht, aufopfern zu lassen , und er Unterschied der europĂ€ischen Wilden von den amerikanischen besteht hauptsĂ€chlich darin, daß, da manche StĂ€mme der letzteren von ihren Feinden gĂ€nzlich gegessen worden, die ersteren ihre Überwundenen besser zu benutzen wissen, als sie zu verspeisen, und lieber die Zahl ihrer Untertanen, mithin auch die Menge der Werkzeuge zu noch ausgebreitetern Kriegen durch sie zu vermehren wissen.

Bei der Bösartigkeit der menschlichen Natur, die sich im freien VerhĂ€ltnis der Völker unverhohlen blicken lĂ€ĂŸt (indessen daß sie im bĂŒrgerlich-gesetzlichen Zustande durch den Zwang der Regierung sich sehr verschleiert), ist es doch zu verwundern, daß das Wort Recht aus der Kriegspolitik noch nicht als pedantisch ganz hat verwiesen werden können, und sich noch kein Staat erkĂŒhnt hat, sich fĂŒr die letztere Meinung öffentlich zu erklĂ€ren; denn noch werden Hugo Grotius, Pufendorf, Vattel u. a. m. (lauter leidige Tröster), obgleich ihr Kodex, philosophisch oder diplomatisch abgefaßt, nicht die mindeste gesetzliche Kraft hat, oder auch nur haben kann (weil Staaten als solche nicht unter einem gemeinschaftlichen Ă€ußeren Zwange stehen), immer treuherzig zur Rechtfertigung eines Kriegsangriffes angefĂŒhrt, ohne daß es eine Beispiel gibt, daß jemals ein Staat durch mit Zeugnissen so wichtiger MĂ€nner bewaffnete Argumente wĂ€re bewogen worden, von seinem Vorhaben abzustehen. - Diese Huldigung, die jeder Staat dem Rechtsbegriffe (wenigsten den Worten nach) leistet, beweist doch, daß eine noch grĂ¶ĂŸere, obzwar zur Zeit schlummernde, moralische Anlage im Menschen anzutreffen sei, ĂŒber das böse Prinzip in ihm (was er nicht ableugnen kann) doch einmal Meister zu werden und dies auch von andern zu hoffen; denn sonst wĂŒrde das Wort Recht den Staaten, die sich einander befehden wollen, nie in den Mund kommen, es sei denn, bloß um seinen Spott damit zu treiben, wie jener gallische FĂŒrst es erklĂ€rte: »Es ist der Vorzug, den die Natur dem StĂ€rkeren ĂŒber den SchwĂ€cheren gegeben hat, daß dieser ihm gehorchen soll.«

 

Da die Art, wie Staaten ihr Recht verfolgen, nie wie bei einem Ă€ußern Gerichtshofe der Prozeß, sondern nur der Krieg sein kann, durch diesen aber und seinen gĂŒnstigen Ausschlag, den Sieg, das Recht nicht entschieden wird, und durch den Friedensvertrag zwar wohl dem diesmaligen Kriege, aber nicht dem Kriegszustande (immer zu einem neuen Vorwand zu finden) ein Ende gemacht wird (den man auch nicht geradezu fĂŒr ungerecht erklĂ€ren kann, weil in diesem Zustande jeder in seiner eigenen Sache Richter ist), gleichwohl aber von Staaten nach dem Völkerrecht nicht eben das gelten kann, was von den Menschen im gesetzlosen Zustande nach dem Naturrecht gilt, »aus diesem Zustande herausgehen sollen« (weil sie als Staaten innerlich schon eine rechtliche Verfassung haben und also dem Zwange anderer, sie nach ihren Rechtsbegriffen unter eine erweiterte gesetzliche Verfassung zu bringen, entwachsen sind), indessen daß doch die Vernunft vom Throne der höchsten moralischen gesetzgebenden Gewalt herab den Krieg als Rechtsgang schlechterdings verdammt, den Friedenszustand dagegen zur unmittelbaren Pflicht macht, welcher doch ohne einen Vertrag der Völker unter sich nicht gestiftet oder gesichert werden kann: - so muß es eine Bund von besonderer Art geben, den man den Friedensbund (foedus pacificum) nennen kann, der vom Friedensvertrag (pactum pacis) darin unterschieden sein wĂŒrde, daß dieser bloß einen Krieg, jener aber alle Kriege auf immer zu endigen suchte. Dieser Bund geht auf keinen Erwerb irgendeiner Macht des Staates, sondern lediglich auf Erhaltung und Sicherung der Freiheit eines Staates fĂŒr sich selbst und zugleich anderer verbĂŒndeten Staaten, ohne daß diese doch sich deshalb (wie die Menschen im Naturzustande) öffentlichen Gesetzen und einem Zwange unter denselben unterwerfen dĂŒrfen. - Die AusfĂŒhrbarkeit (objektive RealitĂ€t) dieser Idee der FöderalitĂ€t, die sich allmĂ€hlich ĂŒber alle Staaten erstrecken soll und so zum ewigen Frieden hinfĂŒhrt, lĂ€ĂŸt sich darstellen. Denn wenn das GlĂŒck es so fĂŒgt: daß ein mĂ€chtiges und aufgeklĂ€rtes Volk sich zu einer Republik (die ihrer Natur nach zum ewigen Frieden geneigt sein muß) bilden kann, so gibt diese einen Mittelpunkt der föderativen Vereinigung fĂŒr andere Staaten ab, um sich an sie anzuschließen und so den Freiheitszustand der Staaten gemĂ€ĂŸ der Idee des Völkerrecht zu sichern und sich durch mehrere Verbindungen dieser Art nach und nach immer weiter auszubreiten.

Daß ein Volk sagt: »Es soll unter uns kein Krieg sein; denn wir wollen uns in einem Staat formieren, d. i. uns selbst eine oberste gesetzgebende, regierende und richtende Gewalt setzen, die unsere Streitigkeiten friedlich ausgleicht« - das lĂ€ĂŸt sich verstehen. -- Wenn aber dieser Staat sagt: »Es soll kein Krieg zwischen mir und anderen Staaten sein, obgleich ich keine oberste gesetzgebende Gewalt erkenne, die mir mein und der ich ihr Recht sichere«, so ist es gar nicht zu verstehen, worauf ich dann das Vertrauen zu meinem Rechte grĂŒnden wolle, wenn es nicht das Surrogat des bĂŒrgerlichen Gesellschaftsbundes, nĂ€mlich der freie Föderalism, ist, den die Vernunft mit dem Begriffe des Völkerrechts notwendig verbinden muß, wenn ĂŒberall etwas dabei zu denken ĂŒbrig bleiben soll.

Bei dem Begriffe des Völkerrechts, als eines Rechts zum Kriege, lĂ€ĂŸt sich eigentlich gar nichts denken (weil es ein Recht sein soll, nicht nach allgemein gĂŒltigen Ă€ußern, die Freiheit jedes einzelnen einschrĂ€nkenden Gesetzen, sondern nach einseitigen Maximen durch Gewalt, was Recht sei, zu bestimmen), es mĂŒĂŸte denn darunter verstanden werden: daß Menschen, die so gesinnt sind, ganz recht geschieht, wenn sie sich untereinander aufreiben und also den ewigen Frieden in dem weiten Grabe finden, das alle Greuel der GewalttĂ€tigkeit samt ihren Urhebern bedeckt. - FĂŒr Staaten im VerhĂ€ltnisse untereinander kann es nach der Vernunft keine andere Art geben, aus dem gesetzlosen Zustande, der lauter Krieg enthĂ€lt, herauszukommen, als daß sie ebenso wie einzelne Menschen ihre wilde (gesetzlose) Freiheit aufgeben, sich zu öffentlichen Zwangsgesetzen bequemen und so einen (freilich immer wachsenden) Völkerstaat (civilitas gentium), der zuletzt alle Völker der Erde befassen wĂŒrde, bilden. Da sie dieses aber nach ihrer Idee vom Völkerrecht durchaus nicht wollen, mithin, was in thesi richtig ist, in hypothesi verwerfen, so kann an die Stelle der positiven Idee einer Weltrepublik (wenn nicht alles verloren werden soll) nur das negative Surrogat eines den Krieg abwehrenden, bestehenden und sich immer ausbreitenden Bundes den Strom der rechtscheuenden, feindseligen Neigungen aufhalten, doch mit bestĂ€ndiger Gefahr ihres Ausbruchs (Furor impius intus - fremit horridus ore cruento. [Virgil] )