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Marcuse
REPRESSIVE TOLERANZ
[1965]

Dieser Essay untersucht die Idee der Toleranz in der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Er gelangt zu dem Schlu├č, da├č die Verwirklichung der Toleranz Intoleranz gegen├╝ber den herrschenden politischen Praktiken, Gesinnungen und Meinungen erheischen w├╝rde - sowie die Ausdehnung der Toleranz auf politische Praktiken, Gesinnungen und Meinungen, die ge├Ąchtet oder unterdr├╝ckt werden. Die Idee der Toleranz erscheint, mit anderen Worten, heute wieder als dasjenige, was sie an ihren Urspr├╝ngen war, zu Beginn der Neuzeit - als ein parteiliches Ziel, ein subversiver, befreiender Begriff und als ebensolche Praxis. Umgekehrt dient, was heute als Toleranz verk├╝ndet und praktiziert wird, in vielen seiner wirksamsten Manifestationen den Interessen der Unterdr├╝ckung. Der Verfasser ist sich dessen voll bewu├čt, da├č gegenw├Ąrtig keine Macht, Autorit├Ąt oder Regierung vorhanden ist, die eine befreiende Toleranz in Praxis ├╝bersetzen w├╝rde, doch er meint, da├č es Aufgabe und Pflicht des Intellektuellen ist, an geschichtliche M├Âglichkeiten, die zu utopischen geworden zu sein scheinen, zu erinnern und sie zu bewahren - da├č es seine Aufgabe ist, die unmittelbare Konkretheit der Unterdr├╝ckung zu durchbrechen, um die Gesellschaft als das zu erkennen, was sie ist und tut. PRIVATE "TYPE=PICT;ALT=herbert.jpg (10014 Byte)"

Toleranz ist ein Selbstzweck. Da├č die Gewalt beseitigt und die Unterdr├╝ckung so weit verringert wird, als erforderlich ist, um Mensch und Tier vor Grausamkeit und Aggression zu sch├╝tzen, sind die Vorbedingungen einer humanen Gesellschaft. Eine solche Gesellschaft existiert noch nicht; mehr denn je wird heute der Fortschritt zu ihr hin aufgehalten durch Gewalt und Unterdr├╝ckung. Als Abschreckungsmittel gegen einen nuklearen Krieg, als Polizeiaktion gegen Umsturz, als technische Hilfe im Kampf gegen Imperialismus und Kommunismus, als Methoden zur Befriedung in neokolonialistischen Massakern werden Gewalt und Unterdr├╝ckung gleicherma├čen von demokratischen und autorit├Ąren Regierungen verk├╝ndet, praktiziert und verteidigt, und den Menschen, die diesen Regierungen unterworfen sind, wird beigebracht, solche Praktiken als notwendig f├╝r die Erhaltung des Status quo zu ertragen. Toleranz wird auf politische Ma├čnahmen, Bedingungen und Verhaltensweisen ausgedehnt, die nicht toleriert werden sollten, weil sie die Chancen, ein Dasein ohne Furcht und Elend herbeizuf├╝hren, behindern, wo nicht zerst├Âren.

Diese Art von Toleranz st├Ąrkt die Tyrannei der Mehrheit, gegen welche die wirklichen Liberalen aufbegehrten. Der politische Ort der Toleranz hat sich ge├Ąndert: w├Ąhrend sie mehr oder weniger stillschweigend und verfassungsm├Ą├čig der Opposition entzogen wird, wird sie hinsichtlich der etablierten Politik zum Zwangsverhalten. Toleranz wird von einem aktiven in einen passiven Zustand ├╝berf├╝hrt, von der Praxis in eine Nicht-Praxis: ins Laissez-faire der verfassungsm├Ą├čigen Beh├Ârden. Gerade vom Volk wird die Regierung geduldet, die wiederum Opposition duldet im Rahmen der verfassungsm├Ą├čigen Beh├Ârden.

Toleranz gegen├╝ber dem radikal B├Âsen erscheint jetzt als gut, weil sie dem Zusammenhalt des Ganzen dient auf dem Wege zum ├ťberflu├č oder zu gr├Â├čerem ├ťberflu├č. Die Nachsicht gegen├╝ber der systematischen Verdummung von Kindern wie von Erwachsenen durch Reklame und Propaganda, die Freisetzung von unmenschlicher zerst├Ârender Gewalt in Vietnam, das Rekrutieren und die Ausbildung von Sonderverb├Ąnden, die ohnm├Ąchtige und wohlwollende Toleranz gegen├╝ber unverbl├╝mtem Betrug beim Warenverkauf, gegen├╝ber Verschwendung und geplantem Veralten von G├╝tern sind keine Verzerrungen und Abweichungen, sondern das Wesen eines Systems, das Toleranz bef├Ârdert als ein Mittel, den Kampf ums Dasein zu verewigen und die Alternativen zu unterdr├╝cken. Im Namen von Erziehung, Moral und Psychologie entrostet man sich laut ├╝ber die Zunahme der Jugendkriminalit├Ąt, weniger laut ├╝ber die Kriminalit├Ąt immer m├Ąchtigerer Geschosse, Raketen und Bomben das reifgewordene Verbrechen einer ganzen Zivilisation.

Einem dialektischen Satz zufolge bestimmt das Ganze die Wahrheit nicht in dem Sinne, da├č das Ganze vor oder ├╝ber seinen Teilen ist, sondern in der Weise, da├č seine Struktur und Funktion jede besondere Bedingung und Beziehung bestimmen. So drohen in einer repressiven Gesellschaft selbst fortschrittliche Bewegungen in dem Ma├če in ihr Gegenteil umzuschlagen, wie sie die Spielregeln hinnehmen. Um einen h├Âchst kontroversen Fall anzufahren: die Aus├╝bung politischer Rechte (wie das der Wahl, das Schreiben von Briefen an die Presse, an Senatoren usw., Protestdemonstrationen, die von vornherein auf Gegengewalt verzichten) in einer Gesellschaft totaler Verwaltung dient dazu, diese Verwaltung zu starken, indem sie das Vorhandensein demokratischer Freiheiten bezeugt, die in Wirklichkeit jedoch l├Ąngst ihren Inhalt ge├Ąndert und ihre Wirksamkeit verloren haben. In einem solchen Falle wird die Freiheit (der Meinungs├Ąu├čerung, Versammlung und Rede) zu einem Instrument, die Knechtschaft freizusprechen. Und doch (und nur hier zeigt der dialektische Satz seine volle Intention) bleiben das Vorhandensein und die Aus├╝bung dieser Freiheiten eine Vorbedingung f├╝r das Wiederherstellen ihrer urspr├╝nglichen oppositionellen Funktion, vorausgesetzt, da├č die Anstrengung, ihre (oft selbstauferlegten) Beschr├Ąnkungen zu ├╝berschreiten, intensiviert wird. Im allgemeinen h├Ąngen Funktion und Wert der Toleranz von der Gleichheit ab, die in der Gesellschaft herrscht, in welcher Toleranz ge├╝bt wird. Toleranz selbst bleibt umfassenderen Kriterien unterworfen: ihre Reichweite und Grenzen lassen sich nicht gem├Ą├č der jeweiligen Gesellschaft definieren. Mit anderen Worten: Toleranz ist nur dann ein Selbstzweck, wenn sie wahrhaft allseitig ist und von den Herrschern so ge├╝bt wird wie von den Beherrschten, von den Herren wie von den Knechten, von den H├Ąschern wie von ihren Opfern. Solch allseitige Toleranz ist nur dann m├Âglich, wenn kein wirklicher oder angeblicher Feind die Erziehung und Ausbildung des Volkes zu Aggressivit├Ąt und Brutalit├Ąt erforderlich macht. Solange diese Bedingungen nicht herrschen, sind die Bedingungen der Toleranz ┬╗belastet┬ź: sie werden gepr├Ągt und bestimmt von der institutionalisierten Ungleichheit (die sicher mit verfassungsm├Ą├čiger Gleichheit vereinbar ist), das hei├čt von der Klassenstruktur der Gesellschaft. In einer derartigen Gesellschaft wird Toleranz de facto eingeschr├Ąnkt auf dem Boden legalisierter Gewalt oder Unterdr├╝ckung (Polizei, Armee, Aufseher aller Art) und der von den herrschenden Interessen und deren ┬╗Konnexionen┬ź besetzten Schl├╝sselstellung.

Diese im Hintergrund wirkenden Beschr├Ąnkungen der Toleranz gehen normalerweise den expliziten und juristischen Beschr├Ąnkungen voraus, wie sie festgelegt werden durch Gerichte, Herkommen, Regierungen usw. (zum Beispiel ┬╗Notstand┬ź, Bedrohung der nationalen Sicherheit, H├Ąresie). Im Rahmen einer solchen Sozialstruktur l├Ą├čt sich Toleranz ├╝ben und verk├╝nden, und zwar i. als passive Duldung verfestigter und etablierter Haltungen und Ideen, auch wenn ihre schlagende Auswirkung auf Mensch und Natur auf der Hand liegt; und 2. als aktive, offizielle Toleranz, die der Rechten wie der Linken gew├Ąhrt wird, aggressiven ebenso wie pazifistischen Bewegungen, der Partei des Hasses ebenso wie der der Menschlichkeit. Ich bezeichne diese unparteiische Toleranz insofern als -abstrakt┬ź und ┬╗rein┬ź, als sie davon absieht, sich zu einer Seite zu bekennen - damit freilich sch├╝tzt sie in Wirklichkeit die bereits etablierte Maschinerie der Diskriminierung.

 

Die Toleranz, die Reichweite und Inhalt der Freiheit erweiterte, war stets parteilich intolerant gegen├╝ber den Wortf├╝hrern des unterdr├╝ckenden Status quo. Worum es ging, war nur der Grad und das Ausma├č der Intoleranz. In der festgef├╝gten liberalen Gesellschaft Englands und der Vereinigten Staaten wurde Rede- und Versammlungsfreiheit selbst den radikalen Gegnern der Gesellschaft gew├Ąhrt, sofern sie nicht vom Wort zur Tat, vom Reden zum Handeln ├╝bergingen.

Indem sie sich auf die wirksamen, im Hintergrund stehenden Beschr├Ąnkungen verlie├č, schien die Gesellschaft allgemeine Toleranz zu ├╝ben. Aber bereits die liberalistische Theorie hatte die Toleranz unter eine wichtige Bedingung gestellt: sie sollte ┬╗nur f├╝r Menschen in der Reife ihrer Anlagen gelten┬ź. John Stuart Mill spricht nicht nur von Kindern und Minderj├Ąhrigen; er f├╝hrt n├Ąher aus: ┬╗Als Prinzip ist Freiheit nicht anwendbar auf einen Zustand vor der Zeit, in der die Menschheit die F├Ąhigkeit erlangte, sich durch freie und gleiche Diskussion fortzuentwickeln.┬ź Vor jener Zeit d├╝rfen die Menschen noch Barbaren sein, und ┬╗der Despotismus ist eine im Umgang mit Barbaren legitime Regierungsform, vorausgesetzt, da├č sie darauf abzielt, jene h├Âher zu entwickeln, und die Mittel dadurch gerechtfertigt sind, da├č sie tats├Ąchlich zu diesem Ziel f├╝hren.┬ź Mills oft zitierte Worte enthalten eine wenig bekannte Implikation, von der ihr Sinn abh├Ąngt: den inneren Zusammenhang von Freiheit und Wahrheit. Es gibt einen Sinn, in dem Wahrheit der Zweck der Freiheit ist und die Freiheit durch Wahrheit bestimmt und umgrenzt werden mu├č. In welchem Sinn kann nun Freiheit um der Wahrheit willen sein? Freiheit ist Selbstbestimmung, Autonome - das ist fast eine Tautologie, aber eine Tautologie, die sich aus einer ganzen Reihe synthetischer Urteile ergibt. Sie unterstellt die F├Ąhigkeit, da├č man sein eigenes Leben bestimmen kann: da├č man imstande ist zu entscheiden, was man tun und lassen, was man erleiden und was man nicht erleiden will. Aber das Subjekt dieser Autonomie ist niemals das zuf├Ąllige, private Individuum als das, was es gegenw├Ąrtig oder zuf├Ąllig gerade ist; vielmehr das Individuum als ein menschliches Wesen, das imstande ist, frei zu sein mit den anderen. Und das Problem, eine solche Harmonie zwischen der individuellen Freiheit und dem Anderen zu erm├Âglichen, besteht nicht darin, einen Kompromi├č zwischen Konkurrenten zu finden oder zwischen Freiheit und Gesetz, zwischen allgemeinem und individuellem Interesse, ├Âffentlicher und privater Wohlfahrt in einer etablierten Gesellschaft, sondern darin, die Gesellschaft berbeizuf├╝hren, worin der Mensch nicht an Institutionen versklavt ist, welche die Selbstbestimmung von vornherein beeintr├Ąchtigen. Mit anderen Worten, Freiheit ist selbst f├╝r die freiesten der bestehenden Gesellschaften erst noch herzustellen. Und die Richtung, in der sie gesucht werden mu├č, und die institutionellen und kulturellen Ver├Ąnderungen, die dazu beitragen k├Ânnen, dieses Ziel zu erreichen, sind - zumindest in der entwickelten Zivilisation - begreiflich, das hei├čt, sie lassen sich identifizieren und entwerfen auf der Basis der Erfahrung, durch Vernunft. Im Wechselspiel von Theorie und Praxis werden wahre und falsche L├Âsungen unterscheidbar - niemals im Sinne bewiesener Notwendigkeit, niemals als das Positive, sondern nur mit der Gewi├čheit einer durchdachten und vern├╝nftigen Chance und mit der ├╝berzeugenden Kraft des Negativen. Denn das wahrhaft Positive ist die Gesellschaft der Zukunft und deshalb jenseits von Definition und Bestimmung, w├Ąhrend das bestehende Positive dasjenige ist, ├╝ber das hinausgegangen werden mu├č. Doch die Erfahrung und das Verst├Ąndnis der bestehenden Gesellschaft k├Ânnen durchaus identifizieren, was nicht zu einer freien und vern├╝nftigen Gesellschaft f├╝hrt, was die M├Âglichkeiten ihrer Herbeif├╝hrung verhindert oder verzerrt. Freiheit ist Befreiung, ein spezifischer geschichtlicher Proze├č in ' Theorie und Praxis und hat als solcher sein Recht und Unrecht, seine Wahrheit und Falschheit.

Die Ungewi├čheit der Chance bei dieser Unterscheidung setzt die geschichtliche Objektivit├Ąt nicht au├čer Kraft, sie erfordert jedoch Denk- und Ausdrucksfreiheit als Vorbedingungen, den Weg zur Freiheit zu finden - sie erfordert Toleranz. Diese Toleranz kann allerdings nicht unterschiedslos und gleich sein hinsichtlich der Inhalte des Ausdrucks in Wort und Tat; sie kann nicht falsche Worte und unrechte Taten sch├╝tzen, die demonstrierbar den M├Âglichkeiten der Befreiung widersprechen und entgegenwirken. Solche unterschiedslose Toleranz ist gerechtfertigt in harmlosen Debatten, bei der Unterhaltung, in der akademischen Diskussion; sie ist unerl├Ą├člich im Wissenschaftsbetrieb, in der privaten Religion. Aber die Gesellschaft kann nicht dort unterschiedslos verfahren, wo die Befriedung des Daseins, wo Freiheit und Gl├╝ck selbst auf dem Spiel stehen: hier k├Ânnen bestimmte Dinge nicht gesagt bestimmte Ideen nicht ausgedruckt, bestimmte politische Ma├čnahmen nicht vorgeschlagen, ein bestimmtes Verhalten nicht gestattet werden, ohne da├č man Toleranz zu einem Instrument der Fortdauer von Knechtschaft macht.

 

Die Gefahr ┬╗zerst├Ârerischer Toleranz┬ź (Baudelaire), ┬╗wohlwollender Neutralit├Ąt┬ź gegen├╝ber der Kunst ist erkannt worden: der Markt, der (obgleich oft mit ganz pl├Âtzlichen Schwankungen) gleich gut Kunst, Anti-Kunst und Nicht-Kunst, alle m├Âglichen einander widerstreitenden Stile, Schulen und Formen in sich aufnimmt, liefert ein ┬╗behagliches Gef├Ą├č, einen freundlichen Abgrund┬ź, in dem der radikale Impuls der Kunst, ihr Protest gegen die etablierte Wirklichkeit untergeht. Gleichwohl ist die Zensur von Kunst und Literatur unter allen Umst├Ąnden r├╝ckschrittlich. Das authentische Kunstwerk ist keine St├╝tze der Unterdr├╝ckung und kann keine sein, und Pseudokunst (die eine solche St├╝tze sein kann) ist keine Kunst. Die Kunst steht gegen die Geschichte, leistet ihr Widerstand, einer Geschichte, welche stets die der Unterdr├╝ckung gewesen ist; denn die Kunst unterwirft die Wirklichkeit Gesetzen, die andere als die etablierten sind: den Gesetzen der Form, welche eine andere Wirklichkeit hervorbringt - die Negation der etablierten selbst dort, wo Kunst die etablierte Wirklichkeit abschildert. Freilich unterwirft sich die Kunst in ihrem Kampf mit der Geschichte selbst der Geschichte: die Geschichte geht ein in die Definition der Kunst sowie in die Unterscheidung von Kunst und Pseudokunst. So geschieht es, da├č zur Pseudokunst wird, was einmal Kunst war. Fr├╝here Formen, Stile und Qualit├Ąten, fr├╝here Weisen von Protest und Absage lassen sich nicht in einer anderen Gesellschaft oder gegen sie wiederaufnehmen. Es gibt F├Ąlle, in denen ein authentisches Werk eine r├╝ckschrittliche politische Aussage enth├Ąlt - das gilt von Dostojewskij. Dann aber wird die Aussage durch das Werk selbst widerrufen: der r├╝ckschrittliche politische Inhalt wird absorbiert, aufgehoben in der k├╝nstlerischen Form: im Werk als Literatur.

Die Toleranz der freien Rede ist der Weg der Vorbereitung und des Fortschreitens der Befreiung, nicht weil es keine objektive Wahrheit gibt und Befreiung notwendigerweise ein Kompromi├č zwischen einer Mannigfaltigkeit von Meinungen sein mu├č, sondern weil es eine objektive Wahrheit gibt, die nur dadurch aufgedeckt und ermittelt werden kann, da├č erfahren und begriffen wird, was ist, sein kann und zur Verbesserung des Loses der Menschheit getan werden sollte. Dieses ├Âffentliche und historische ┬╗Sollen┬ź ist nicht unmittelbar einsichtig, liegt nicht auf der Hand: es mu├č enth├╝llt werden, indem das gegebene Material ┬╗durchschnitten┬ź, ┬╗aufgesparten┬ź, ┬╗zerbrochen┬ź (dis-cutio) wird - wodurch Recht und Unrecht, Gut und Schlecht, Richtig und Falsch auseinandergehalten werden. Das Subjekt, dessen ┬╗Vervollkommnung┬ź von einer progressiven geschichtlichen Praxis abh├Ąngt, ist jeder Mensch als Mensch, und diese Universalit├Ąt reflektiert sich in der Diskussion, die a priori keine Gruppe, kein Individuum ausschlie├čt. Aber selbst der alles einschlie├čende Charakter der liberalistischen Toleranz beruhte, zumindest in der Theorie, auf dem Grundsatz, da├č alle Menschen (potentielle) Individuen w├Ąren, die lernen k├Ânnten, selbst zu h├Âren, zu sehen und zu f├╝hlen, ihre eigenen Gedanken zu entfalten, ihre wahren Interessen, Rechte und F├Ąhigkeiten zu erfassen, auch gegen die eingerichtete Autorit├Ąt und Meinung. Das war die rationale Grundlage der Rede- und Versammlungsfreiheit. Allseitige Duldung wird fragw├╝rdig, wenn ihre rationale Grundlage nicht mehr besteht, wenn Toleranz manipulierten und geschulten Individuen verordnet wird, die die Meinung ihrer Herren als ihre eigene nachplappern, f├╝r die Heteronomie zur Autonomie geworden ist.

 

Das Telos der Toleranz ist Wahrheit. Es ist eine geschichtlich klare Tatsache, da├č die authentischen Wortf├╝hrer der Toleranz auf mehr und eine andere Wahrheit aus waren als die der Aussagenlogik und akademischen Theorie. John Stuart Mill spricht von der Wahrheit, die in der Geschichte verfolgt wird und die ├╝ber die Verfolgung nicht aufgrund der ihr ┬╗eigenen Macht┬ź triumphiert, die wirklich ┬╗gegen├╝ber dem Kerker und dem Pfahl┬ź keine eigene Macht hat. Und er z├Ąhlt die ┬╗Wahrheiten┬ź auf, die grausam und erfolgreich in den Kerkern und am Pfahl liquidiert wurden: die von Arnold von Brescia, von Fra Dolcino, von Savonarola, die der Albigenser, Waldenser, Lollarden und Hussiten. Der Toleranz bedarf es zun├Ąchst und vor allem um der Ketzer willen - der geschichtliche Weg zur humanitas erscheint als Ketzerei: Ziel der Verfolgung durch die bestehenden M├Ąchte. Indessen ist Ketzerei als solche noch kein Zeichen f├╝r Wahrheit.

Das Kriterium des Fortschritts in der Freiheit, wonach Mill diese Bewegungen beurteilt, ist die Reformation. Es handelt sich um eine Bewertung ex post, und seine Liste enth├Ąlt Gegens├Ątze (auch Savonarola h├Ątte Fra Dolcino verbrannt). Selbst die Bewertung ex post ist in ihrer Wahrheit anfechtbar: die Geschichte korrigiert das Urteil - zu sp├Ąt. Die Korrektur hilft den Opfern nicht und spricht ihre Henker nicht frei. Die Lehre daraus ist jedoch klar: die Intoleranz hat den Fortschritt aufgehalten, das Hinschlachten und Foltern Unschuldiger um Jahrhunderte weitergehen lassen. Spricht dies nun f├╝r unterschiedslose, ┬╗reine┬ź Toleranz? Gibt es geschichtliche Bedingungen, unter denen eine solche Toleranz die Befreiung hemmt und die Opfer des Status quo vermehrt? Kann die unterschiedslose Garantie politischer Rechte und Freiheiten r├╝ckschrittlich sein? Kann eine solche Toleranz dazu dienen, eine qualitative gesellschaftliche ├änderung zu hintertreiben?

Ich werde diese Frage nur in bezug auf politische Bewegungen, Einstellungen, Denkrichtungen und Philosophien er├Ârtern, die ├Ąltesten Sinne ┬╗politisch┬ź sind. Au├čerdem werde ich den Brennpunkt der Diskussion verlagern: sie wird sich nicht nur und nicht in erster Linie mit der Toleranz gegen├╝ber radikalen Extremen, Minderheiten, Umst├╝rzlern usw. befassen, sondern eher mit der Toleranz gegen├╝ber Mehrheiten, der offiziellen und ├Âffentlichen Meinung, den etablierten Schutzherren der Freiheit. Damit kann die Diskussion nur eine demokratische Gesellschaft zum Bezugsrahmen haben, in der das Volk in Gestalt von Individuen und Mitgliedern politischer und anderer Organisationen an der Durchf├╝hrung, Beibehaltung und ├änderung der Politik teilhat. In einem autorit├Ąren System toleriert das Volk die etablierte Politik nicht - es erleidet sie.

Unter einem System verfassungsm├Ą├čig garantierter und (im allgemeinen und ohne zu viele und zu augenf├Ąllige Ausnahmen) ausge├╝bter b├╝rgerlicher Rechte und Freiheiten werden Opposition und abweichende Ansichten geduldet, sofern sie nicht zur Gewaltanwendung f├╝hren und sofern nicht zu einem gewaltsamen Umsturz aufgerufen und dieser organisiert wird. Zugrunde liegt die Annahme, da├č die etablierte Gesellschaft frei sei und da├č jede Verbesserung, selbst eine ├änderung der gesellschaftlichen Struktur und Werte, im normalen Gang der Ereignisse zustande k├Ąme, vorbereitet, bestimmt und untersucht in freier und gleicher Diskussion auf dem offenen Forum der Ideen und G├╝ter. Indem ich nun an die Stelle aus John Stuart Mill erinnerte, machte ich auf die in dieser Annahme versteckte Pr├Ąmisse aufmerksam: freie und gleiche Diskussion kann die ihr zugeschriebene Funktion nur erf├╝llen, wenn sie rational ist - Ausdruck und Entfaltung unabh├Ąngigen Denkens, frei, von geistigem Drill, Manipulation, ├Ąu├čerer Autorit├Ąt. Der Begriff des Pluralismus und des Ausgleichs der M├Ąchte kann dieses Erfordernis nicht ersetzen. Man k├Ânnte theoretisch einen Staat konstruieren, in dem eine Vielheit verschiedener Zw├Ąnge, Interessen und Autorit├Ąten einander ausbalancieren und zu einem Wahrhaft allgemeinen und vern├╝nftigen Interesse f├╝hren. Eine solche Konstruktion pa├čt jedoch schlecht zu einer Gesellschaft, in der die M├Ąchte ungleich sind und bleiben und ihr ungleiches Gewicht noch erh├Âhen, wenn sie ihren eigenen Lauf nehmen. Sie pa├čt noch schlechter, wenn die Mannigfaltigkeit von Zw├Ąngen sich zu einem ├╝berw├Ąltigenden Ganzen vereinigt und verfestigt und dabei die einzelnen ausgleichenden M├Ąchte integriert aufgrund eines zunehmenden Lebensstandards und einer zunehmenden Machtkonzentration. Die Arbeiter, deren wirkliches Interesse dem der Betriebsleitung widerstreitet, der gew├Âhnliche Konsument, dessen wirkliches Interesse dem des Produzenten entgegengesetzt ist, der intellektuelle, dessen Beruf in Konflikt ger├Ąt mit dem seines Arbeitgebers, sehen dann, da├č sie sich einem System unterwerfen, dem gegen├╝ber sie machtlos sind und unvern├╝nftig erscheinen. Die Idee verf├╝gbarer Alternativen verfl├╝chtigt sich in eine ├Ąu├čerst utopische Dimension, in der sie auch beheimatet ist; denn eine freie Gesellschaft ist in der Tat unrealistisch und wesentlich verschieden von allen bestehenden Gesellschaften. Welche Verbesserung auch ┬╗im normalen Gang der Ereignisse┬ź und ohne Umw├Ąlzung eintreten mag, unter diesen Umst├Ąnden wird sie eine Verbesserung sein, die in der von den partikul├Ąren Interessen bestimmten Richtung liegt, die das Ganze kontrollieren.

Aus demselben Grunde wird man jenen Minderheiten, die bestrebt sind, das Ganze selbst zu ├Ąndern, unter optimalen Bedingungen (die selten herrschen) gestatten, Erw├Ągungen anzustellen und zu diskutieren, zu sprechen und sich zu versammeln - und diese werden angesichts der ├╝berw├Ąltigenden Mehrheit, die sich einer qualitativen gesellschaftlichen ├änderung widersetzt, harmlos und hilflos dastehen. Diese Mehrheit ist fest gegr├╝ndet in der zunehmenden Befriedigung der Bed├╝rfnisse sowie der technologischen und geistigen Gleichschaltung, die die allgemeine Hilflosigkeit radikaler Gruppen in einem gut funktionierenden Gesellschaftssystem bezeugen. In der ├ťberflu├čgesellschaft herrscht Diskussion im ├ťberflu├č, und im etablierten Rahmen ist sie weitgehend tolerant. Alle Standpunkte lassen sich vernehmen: der Kommunist und der Faschist, der Linke und der Rechte, der Wei├če und der Neger, die Kreuzz├╝gler f├╝r Aufr├╝stung und die f├╝r Abr├╝stung. Ferner wird bei Debatten in den Massenmedien die dumme Meinung mit demselben Respekt behandelt wie die intelligente, der Ununterrichtete darf ebenso lange reden wie der Unterrichtete, und Propaganda geht einher mit Erziehung, Wahrheit mit Falschheit. Diese reine Toleranz von Sinn und Unsinn wird durch das demokratische Argument gerechtfertigt, da├č niemand, ob Gruppe oder Individuum, im Besitz der Wahrheit und imstande w├Ąre zu bestimmen, was Recht und Unrecht ist, Gut und Schlecht. Deshalb m├╝ssen alle miteinander wetteifernden Meinungen ┬╗dem Volk┬ź zur Erw├Ągung und Auswahl vorgelegt werden. Ich habe jedoch bereits angedeutet, da├č das demokratische Argument eine notwendige Bedingung einschlie├čt, n├Ąmlich: da├č das Volk f├Ąhig sein mu├č, auf der Basis von Erkenntnis etwas zu erw├Ągen und auszuw├Ąhlen, da├č ihm wahrhafte Information zug├Ąnglich sein und deren Bewertung autonomem Denken entspringen mu├č.

 

In der gegenw├Ąrtigen Periode wird das demokratische Argument zunehmend dadurch hinf├Ąllig, da├č der demokratische Proze├č selbst hinf├Ąllig wird. Die befreiende Kraft der Demokratie lag in der Chance, die sie abweichenden Ansichten auf der individuellen wie gesellschaftlichen Ebene gew├Ąhrte, in ihrer Offenheit gegen├╝ber qualitativ anderen Formen der Regierung, Kultur und Arbeit - des menschlichen Daseins im allgemeinen. Die Duldung der freien Diskussion und das gleiche Recht gegens├Ątzlicher Positionen sollte die verschiedenen Formen abweichender Ansichten bestimmen und kl├Ąren. ihre Richtung, ihren Inhalt, ihre Aussichten. Aber mit der Konzentration ├Âkonomischer und politischer Macht und der Integration gegens├Ątzlicher Standpunkte einer Gesellschaft, welche die Technik als Herrschaftsinstrument benutzt, wird effektive Abweichung dort gehemmt, wo sie unbehindert aufkommen konnte: in der Meinungsbildung, im Bereich von Information und Kommunikation, in der Rede und der Versammlung. Unter der Herrschaft der monopolistischen Medien - selber blo├če Instrumente ├Âkonomischer und politischer Macht - wird eine Mentalit├Ąt erzeugt, f├╝r die Recht ' und Unrecht, Wahr und Falsch vorherbestimmt sind, wo immer sie die Lebensinteressen der Gesellschaft ber├╝hren. Das ist, vor allem Ausdruck und aller Kommunikation, ein semantischer Tatbestand: blockiert wird die effektive Abweichung, die Anerkennung dessen, was nicht dem Establishment angeh├Ârt; das beginnt in der Sprache, die ver├Âffentlicht und verordnet wird. Der Sinn der W├Ârter wird streng stabilisiert. Rationale Diskussion, eine ├ťberzeugung vom Gegenteil ist nahezu ausgeschlossen. Der Zugang zur Sprache wird denjenigen W├Ârtern und Ideen versperrt, die anderen Sinnes sind als der etablierte - etabliert durch die Reklame der bestehenden M├Ąchte und verifiziert in deren Praktiken. Andere W├Ârter k├Ânnen zwar ausgesprochen und geh├Ârt, andere Gedanken zwar ausgedruckt werden, aber sie werden nach dem massiven Ma├čstab der konservativen Mehrheit (au├čerhalb solcher Enklaven wie der Intelligenz) sofort ┬╗bewertet┬ź (das hei├čt: automatisch verstanden) im Sinne der ├Âffentlichen Sprache - einer Sprache, die ┬╗a priori┬ź die Richtung festlegt, in welcher sich der Denkproze├č bewegt. Damit endet der Proze├č der Reflexion dort, wo er anfing: in den gegebenen Bedingungen und Verh├Ąltnissen. Sich selbst best├Ątigend, st├Â├čt der Diskussionsgegenstand den Widerspruch ab, da die Antithese im Sinne der These neubestimmt wird. Zum Beispiel, These: wir arbeiten f├╝r den Frieden; Antithese.- wir bereiten Krieg vor (oder gar: wir f├╝hren Krieg); Vereinigung der Gegens├Ątze: Kriegsvorbereitung ist Arbeit f├╝r den Frieden. Frieden wird dahingehend neubestimmt, da├č er, bei der herrschenden Lage, Kriegsvorbereitung (oder sogar Krieg) notwendig einschlie├čt, und in dieser Orwellschen Form wird der Sinn des Wortes ┬╗Frieden┬ź stabilisiert. So wirkt das Grundvokabular der Orwellschen Sprache im Sinne apriorischer Kategorien des Verstehens: aller Inhalt wird pr├Ąformiert. Diese Bedingungen entkr├Ąften die Logik der Toleranz, welche die rationale Entwicklung des Sinnes einschlie├čt und dessen Abriegelung verbietet. Folglich verlieren die ├ťberzeugung durch Diskussion und die gleichberechtigte Darstellung gegens├Ątzlicher Positionen (selbst wo sie wirklich gleichberechtigt ist) leicht ihre befreiende Kraft als Faktoren des Verstehens und Erfahrens; weit wahrscheinlicher ist es jedoch, da├č sie die etablierte These st├Ąrken und die Alternativen abwehren.

 

Unparteilichkeit bis zum ├Ąu├čersten, gleiche Behandlung konkurrierender und im Konflikt liegender Meinungen ist in der Tat ein Grunderfordernis daf├╝r, da├č im demokratischen Proze├č Entscheidungen getroffen werden k├Ânnen - und sie ist ein Grunderfordernis zur Bestimmung der Grenzen der Toleranz. Aber in einer Demokratie mit totalit├Ąrer Organisation kann Objektivit├Ąt eine ganz andere Funktion erf├╝llen, n├Ąmlich die, eine geistige Haltung zu f├Ârdern, die dazu tendiert, den Unterschied zwischen Wahr und Falsch, Information und Propaganda, Recht und Unrecht zu verwischen. Faktisch ist die Entscheidung zwischen gegens├Ątzlichen Ansichten schon vollzogen, ehe es dazu kommt, sie vorzutragen und zu er├Ârtern - vollzogen nicht durch eine Verschw├Ârung, einen F├╝hrer oder Propagandisten, nicht durch irgendeine Diktatur, sondern vielmehr durch den ┬╗normalen Gang der Ereignisse┬ź, der der Gang verwalteter Ereignisse ist, sowie durch die darin geformte Mentalit├Ąt. Auch hier bestimmt das Ganze die Wahrheit. Denn ohne da├č die Objektivit├Ąt offen verletzt w├╝rde, setzt die Entscheidung sich durch in Dingen wie der Aufmachung einer Zeitung (darin, da├č eine h├Âchst wichtige Information zerst├╝ckelt und mit nicht dazu geh├Ârigem Material und unwesentlichen Einzelheiten durchsetzt wird, wodurch einige radikal negative Nachrichten eine unauff├Ąllige Stelle zugewiesen bekommen), in der Nebeneinanderstellung von pr├Ąchtigen Annoncen und unabgeschw├Ąchtem Grauen, darin, da├č Rundfunksendungen, die Tatsachen mitteilen, durch eine ├╝berw├Ąltigende Reklame eingeleitet und unterbrochen werden. Das Ergebnis ist eine Neutralisierung der Gegens├Ątze, eine Neutralisierung freilich, die auf dem festen Boden der strukturellen Einschr├Ąnkung der Toleranz und im Rahmen einer pr├Ąformierten Mentalit├Ąt stattfindet. Wenn eine Zeitschrift nebeneinander einen negativen und einen positiven Bericht ├╝ber den FBI abdruckt, dann erf├╝llt sie ehrlich die Erfordernisse der Objektivit├Ąt: es ist jedoch mit Wahrscheinlichkeit anzunehmen, da├č der positive das Rennen macht, weil das Image der Institution dem Bewu├čtsein des Volkes tief eingepr├Ągt ist. Oder wenn ein Nachrichtensprecher ├╝ber die Folterung und Ermordung von Menschen, die f├╝r die B├╝rgerrechte eintraten) in dem gleichen gesch├Ąftlichen Tonfall berichtet, dessen er sich bedient, wenn er den Aktienmarkt oder das Wetter beschreibt, oder mit der gleichen gro├čen Gem├╝tsbewegung, mit der er seine Reklamespr├╝che aufsagt, dann ist solche Objektivit├Ąt unecht, mehr noch, sie verst├Â├čt gegen Humanit├Ąt und Wahrheit, weil sie dort ruhig ist, wo man w├╝tend sein sollte, und sich dort der Anklage enth├Ąlt, wo diese in den Tatsachen selbst enthalten ist. Die in solcher Unparteilichkeit ausgedr├╝ckte Toleranz dient dazu, die herrschende Intoleranz und Unterdr├╝ckung m├Âglichst klein darzustellen oder gar freizusprechen. Wenn jedoch Objektivit├Ąt irgend etwas mit Wahrheit zu tun hat und wenn Wahrheit mehr als eine Sache der Logik und Wissenschaft ist, dann ist diese Art Objektivit├Ąt falsch und diese Art Toleranz unmenschlich. Und wenn es notwendig ist, das etablierte Universum der Bedeutung (und der in diesem Universum enthaltenen Praxis) zu durchbrechen, um den Menschen in den Stand zu setzen, herauszufinden, was wahr und was falsch ist, dann m├╝├čte diese tr├╝gerische Unparteilichkeit aufgegeben werden. Die dieser Unparteilichkeit ausgesetzten Menschen sind keine tabulae rasae, sie werden geschult von den Verh├Ąltnissen, unter denen sie leben und denken und ├╝ber die sie nicht hinausgehen. Um sie zu bef├Ąhigen, autonom zu werden, von sich aus herauszufinden, was f├╝r den Menschen in der bestehenden Gesellschaft wahr und was falsch ist, m├╝├čten sie von der herrschenden Schulung (die nicht mehr als Schulung erkannt wird) befreit werden. Das aber bedeutet, da├č der Trend umgekehrt werden m├╝├čte: sie h├Ątten Information zu bekommen, die in entgegengesetzter Richtung pr├Ąformiert ist. Denn die Tatsachen sind niemals unmittelbar gegeben und niemals unmittelbar zug├Ąnglich; sie werden durch jene, die sie herbeif├╝hrten, etabliert und ┬╗vermittelt┬ź; die Wahrheit, ┬╗die ganze Wahrheit┬ź, geht ├╝ber die Tatsachen hinaus und erfordert den Bruch mit ihrer Erscheinung. Dieser Bruch - Vorbedingung und Zeichen aller Denk- und Redefreiheit - l├Ą├čt sich nicht im etablierten Rahmen abstrakter Toleranz und unechter Objektivit├Ąt vollziehen, weil eben sie die Faktoren sind, die den Geist gegen den Bruch pr├Ąformieren.

 

Die tats├Ąchlichen Schranken, welche die totalit├Ąre Demokratie gegen die Wirksamkeit qualitativ abweichender Ansichten errichtet, sind, verglichen mit den Praktiken einer Diktatur, die das Volk in der Wahrheit zu erziehen beansprucht, schwach und angenehm genug. Bei all ihren Grenzen und Verzerrungen ist demokratische Toleranz unter allen Umst├Ąnden humaner als eine institutionalisierte Intoleranz, welche die Rechte und Freiheiten der lebenden Generationen k├╝nftigen Generationen zuliebe hinopfert. Es fragt sich, ob dies die einzige Alternative ist. Ich werde jetzt versuchen, die Richtung anzudeuten, in der eine Antwort gesucht werden kann. Auf jeden Fall geht es nicht um den Gegensatz von Demokratie in abstracto und Diktatur in abstracto.

Demokratie ist eine Regierungsform, die sich f├╝r sehr verschiedene Typen der Gesellschaft eignet (das gilt sogar f├╝r eine Demokratie mit allgemeinem Stimmrecht und Gleichheit vor dem Gesetz), und die menschlichen Kosten einer Demokratie sind stets und ├╝berall die von der Gesellschaft verlangten, deren Regierung sie ist. Der Umfang dieser Kosten erstreckt sich von normaler Ausbeutung, Armut und Unsicherheit bis auf die Opfer von Kriegen, Polizeiaktionen, milit├Ąrischer Hilfe USW., auf welche die Gesellschaft sich eingelassen hat - und nicht nur auf die Opfer innerhalb der eigenen Landesgrenzen. Solche Erw├Ągungen k├Ânnen zwar niemals rechtfertigen, da├č andere Sach- und Menschenopfer im Namen einer k├╝nftigen, besseren Gesellschaft gefordert werden, aber sie gestatten doch, die mit der Erhaltung einer bestehenden Gesellschaft verbundenen Kosten gegen das Risiko abzuw├Ągen, Alternativen zu bef├Ârdern, die der Befriedung und Befreiung eine vern├╝nftige Chance bieten. Sicher ist von keiner Regierung zu erwarten, da├č sie ihre eigene gewaltsame Beseitigung beg├╝nstigte, aber in der Demokratie ist ein solches Recht im Volk verankert (das hei├čt in der Mehrheit des Volkes). Das bedeutet, da├č die Wege, auf denen sich eine umst├╝rzende Mehrheit entwickeln k├Ânnte, nicht versperrt werden sollten, und wenn sie durch organisierte Unterdr├╝ckung und Indoktrination versperrt werden, dann wird ihre Wiederer├Âffnung offenkundig undemokratische Mittel erheischen. Dazu w├╝rde geh├Âren, da├č Gruppen und Bewegungen die Rede- und Versammlungsfreiheit entzogen wird, die eine aggressive Politik, Aufr├╝stung, Chauvinismus und Diskriminierung aus russischen und religi├Âsen Gr├╝nden bef├╝rworten oder sich der Ausweitung ├Âffentlicher Dienste, sozialer Sicherheit, medizinischer F├╝rsorge usw. widersetzen. Dar├╝ber hinaus kann die Wiederherstellung der Denkfreiheit neue und strenge Beschr├Ąnkungen der Lehren und Praktiken in den p├Ądagogischen Institutionen erfordern, die ihren ganzen Methoden und Begriffen nach dazu dienen, den Geist ins etablierte Universum von Rede und Verhalten einzuschlie├čen - und dadurch a priori einer rationalen Einsch├Ątzung der Alternativen vorzubeugen. Und in dem Ma├če, wie Denkfreiheit den Kampf gegen Unmenschlichkeit mit sich bringt, schl├Âsse die Wiederherstellung einer solchen Freiheit auch Intoleranz gegen├╝ber wissenschaftlicher Forschung ein, die im Interesse t├Âdlicher ┬╗Abschreckungsmittel┬ź, des Ertragens unmenschlicher, abnormer Bedingungen usw. erfolgt. Ich werde jetzt die Frage diskutieren, wer ├╝ber die Unterscheidung zwischen befreienden und repressiven, menschlichen und unmenschlichen Lehren und Praktiken befinden soll; ich habe bereits angedeutet, da├č diese Unterscheidung keine Sache blo├č subjektiven Vorziehens von Werten, sondern rationaler Kriterien ist.

 

W├Ąhrend es denkbar ist, da├č die Umkehrung des Trends wenigstens im erzieherischen Bereich sich von den Sch├╝lern und Lehrern selbst durchsetzen lie├če und damit selbstauferlegt w├Ąre, lie├če sich der systematische Entzug von Toleranz gegen├╝ber r├╝ckschrittlichen und repressiven Meinungen und Bewegungen nur als Ergebnis eines massiven Drucks vorstellen, was auf eine Umw├Ąlzung hinausliefe. Er w├╝rde, mit anderen Worten, voraussetzen, was noch zu leisten ist: die Umkehrung des Trends. Jedoch kann Widerstand bei besonderen Anl├Ąssen vielleicht daf├╝r den Boden bereiten. Der umst├╝rzlerische Charakter der Wiederherstellung von Freiheit erscheint am deutlichsten in derjenigen Dimension der Gesellschaft, in der falsche Toleranz wahrscheinlich den gr├Â├čten Schaden anrichtet: in Gesch├Ąft und Publicity. Ich bestehe darauf, da├č Praktiken wie geplantes Veralten von G├╝tern, das Einverst├Ąndnis zwischen Gewerkschaften und den Politikern des Establishment, die betr├╝gerische Publizit├Ąt nicht einfach von oben einer ohnm├Ąchtigen breiten Masse auferlegt, sondern von dieser geduldet werden - und von den Konsumenten insgesamt. Es w├Ąre jedoch l├Ącherlich, wollte man hinsichtlich dieser Praktiken und der von ihnen gef├Ârderten Ideologien von einem m├Âglichen Entzug der Toleranz reden. Denn sie geh├Âren zur Basis, auf der die repressive Gesellschaft beruht und sich und ihre lebenswichtigen Abwehrstellungen reproduziert - ihre Beseitigung w├Ąre jene totale Revolution die von dieser Gesellschaft so wirksam unterbunden wird.

 

Toleranz in einer solchen Gesellschaft diskutieren hei├čt, den Tatbestand der Gewalt und die traditionelle Unterscheidung von gewaltsamer und gewaltloser Aktion neu zu untersuchen. Die Diskussion sollte nicht von vornherein durch Ideologien vernebelt werden, die der Verewigung von Gewalt dienen. Selbst in den fortgeschrittenen Zentren der Zivilisation herrscht faktisch Gewalt: sie wird ausge├╝bt durch die Polizei, in Straf- und Irrenanstalten, im Kampf gegen rassische Minderheiten; sie wird von den Verteidigern der ┬╗freien Welt┬ź in die r├╝ckst├Ąndigen Gegenden getragen. Allerdings gebiert diese Gewalt neue. Aber sich angesichts einer weit ├╝berlegenen Gewalt dieser Gewalt zu enthalten, ist ein Ding, a priori aus ethischen oder psychologischen Gr├╝nden (weil sie Sympathisanten verschrecken kann) auf Gewalt gegen Gewalt zu verzichten, ein anderes. Gewaltlosigkeit wird den Schwachen normalerweise nicht nur gepredigt, sondern abgezwungen - sie ist mehr eine Notwendigkeit als eine Tugend, und normalerweise gef├Ąhrdet sie die Interessen der Stark n nicht ernstlich. (Ist der Fall Indiens eine Ausnahme? Dort wurde passiver Widerstand in gro├čem Umfang geleistet, der das Wirtschaftsleben des Landes aufl├Âste oder aufzul├Âsen drohte. Quantit├Ąt schl├Ągt in Qualit├Ąt um: in solchem Ausma├č Ist passiver Widerstand nicht mehr passiv - er h├Ârt auf, gewaltlos zu sein. Dasselbe gilt f├╝r den Generalstreik.) Robespierres Unterscheidung zwischen dem Terror der Freiheit und dem des Despotismus und seine moralische Verherrlichung des ersteren z├Ąhlen zu den am ├╝berzeugendsten verdammten Verirrungen, auch wenn der wei├če Terror blutiger war als der rote. Die vergleichende Beurteilung der verschiedenen gesellschaftlichen Systeme nach der Anzahl ihrer Opfer w├Ąre das quantifizierende Verfahren, das den von Menschen bereiteten Schrecken offenbart, der die Gewalt zu einer Notwendigkeit machte. Hinsichtlich der geschichtlichen Funktion gibt es einen Unterschied zwischen revolution├Ąren und reaktion├Ąres Gewalt, zwischen der von den Unterdr├╝ckten und der von den Unterdr├╝ckern ge├╝bten Gewalt. Ethisch gesehen: beide Formen der Gewalt sind unmenschlich und von ├ťbel - aber seit wann wird Geschichte nach ethischen Ma├čst├Ąben gemacht? Zu dem Zeitpunkt mit ihrer Anwendung beginnen, wo die Unterdr├╝ckten gegen die Unterdr├╝cker aufbegehren, die Armen gegen die Verf├╝genden, hei├čt dem Interesse der tats├Ąchlichen Gewalt dadurch dienen, da├č man den Protest gegen sie schw├Ącht.

 

┬╗Comprenez enfin ceci: si la violence a commenc├ę ce soir, si l'exploitation ni l'oppression n'ont jamais exist├ę sur terre, peut-├¬tre la non-violence affich├ęe peut apaiser la querelle. Mais si le r├ęgime tout entier et jusqu'├á vos non-violentes pens├ęes sont conditionn├ęes par une oppression mill├ęnaire, votre passivit├ę ne sert qu'├á vous ranger du c├┤t├Ę des oppresseurs.┬ź

Gerade der Begriff der falschen Toleranz und die Unterscheidung zwischen gerechtfertigten und ungerechtfertigten Grenzen der Toleranz, zwischen progressiver und regressiver Schulung, revolution├Ąrer und reaktion├Ąres Gewalt erfordern, da├č Kriterien ihrer G├╝ltigkeit festgesetzt werden. Diese Ma├čst├Ąbe m├╝ssen allen verfassungsm├Ą├čigen und gesetzlichen Kriterien (wie ┬╗Notstand┬ź und anderen etablierten Definitionen b├╝rgerlicher Rechte und Freiheiten) vorausgehen, die in einer bestehenden Gesellschaft aufgestellt und angewandt werden; denn solche Definitionen setzen selbst Ma├čst├Ąbe von Freiheit und Unterdr├╝ckung als in der jeweiligen Gesellschaft anwendbar oder nicht anwendbar voraus: sie sind Spezifikationen allgemeiner Begriffe. - Durch wen und nach welchen Ma├čst├Ąben l├Ą├čt sich die politische Unterscheidung zwischen wahr und falsch, progressiv und regressiv (denn in diesem Bereich sind diese Begriffspaare gleichbedeutend) treffen und ihre G├╝ltigkeit rechtfertigen? Ich behaupte, da├č sich die Frage nicht anhand der Alternative von Demokratie und Diktatur beantworten l├Ą├čt, der zufolge in der Diktatur ein Individuum oder eine Gruppe sich ohne wirksame Kontrolle von unten die Entscheidung anma├čen. Historisch sind selbst in den demokratischsten Demokratien diejenigen lebenswichtigen Entscheidungen, welche die Gesellschaft als ganzes ber├╝hren, verfassungsm├Ą├čig oder faktisch durch eine oder mehrere Gruppen getroffen worden, ohne da├č das Volk selbst eine wirksame Kontrolle ausge├╝bt h├Ątte. Die ironische Frage: wer erzieht die Erzieher? (das hei├čt die politischen F├╝hrer), gilt auch f├╝r die Demokratie. Die einzige wahrhafte Alternative zur Diktatur und deren Negation w├Ąre (im Hinblick auf diese Frage) eine Gesellschaft, in der ┬╗das Volk┬ź zu autonomen Individuen geworden ist, die befreit sind von den repressiven Erfordernissen eines Kampfes ums Dasein im Interesse von Herrschaft und als solche befreite Menschen ihre Regierung w├Ąhlen und ihr Leben bestimmen. Eine solche Gesellschaft existiert nirgendwo. Inzwischen mu├č die Frage in abstracto behandelt werden - eine Abstraktion nicht von den geschichtlichen M├Âglichkeiten, sondern von den Realit├Ąten in den herrschenden Gesellschaften.

 

Ich gab zu verstehen, da├č die Unterscheidung zwischen wahrer und falscher Toleranz, zwischen Fortschritt und Regression sich rational auf empirischem Boden treffen l├Ą├čt. Die realen M├Âglichkeiten menschlicher Freiheit sind relativ zur erreichten Zivilisationsstufe. Sie h├Ąngen von den auf der jeweiligen Stufe verf├╝gbaren materiellen und geistigen Ressourcen ab, und sie lassen sich weitgehend quantifizieren und berechnen. Das gilt auf der Stufe der fortgeschrittenen Industriegesellschaft f├╝r die rationalsten Weisen, diese Ressourcen zu nutzen und das Sozialprodukt bei vorrangiger Befriedigung der Lebensbed├╝rfnisse und mit einem Minimum von harter Arbeit und Ungerechtigkeit zu verteilen. Mit anderen Worten: es ist m├Âglich, die Richtung zu bestimmen, in der die herrschenden Institutionen, politischen Praktiken und Meinungen ge├Ąndert werden m├╝├čten, um die Chance eines Friedens zu vergr├Â├čern, der nicht mit Kaltem Krieg identisch ist, sowie einer Befriedigung der Bed├╝rfnisse, die nicht von Armut, Unterdr├╝ckung und Ausbeutung lebt. Es ist dem zufolge auch m├Âglich, politische Praktiken, Meinungen und Bewegungen zu bestimmen, die diese Chance bef├Ârdern w├╝rden, und diejenigen, die das Gegenteil t├Ąten; de Unterdr├╝ckung der regressiven ist eine Vorbedingung f├╝r die St├Ąrkung der fortschrittlichen.

Die Frage, wer qualifiziert sei, alle diese Unterscheidungen, Definitionen und Ermittlungen f├╝r die Gesamtgesellschaft vorzunehmen, hat jetzt eine logische Antwort: jedermann ┬╗in der Reife seiner Anlagen┬ź, jeder, der gelernt hat, rational und autonom zu denken. Die Antwort auf Platons erzieherische Diktatur ist die demokratische erzieherische Diktatur freier Menschen. John Stuarts Mills Konzeption der res publica ist nicht das Gegenteil der Platonischen: auch der Liberale fordert die Autorit├Ąt der Vernunft nicht nur als geistige, sondern auch als politische Macht. Bei Platon ist die Rationalit├Ąt auf die kleine Zahl der Philosophen-K├Ânige begrenzt; bei Mill hat jeder Mensch teil an der Diskussion und Entscheidung aber nur als vern├╝nftiges Wesen. Wo die Gesellschaft in die Phase totaler Verwaltung und Indoktrination eingetreten ist, w├Ąre das allerdings eine kleine Anzahl und nicht notwendig die der gew├Ąhlten Volksvertreter. Es geht nicht um das Problem einer erzieherischen Diktatur, sondern darum, die Tyrannei der ├Âffentlichen Meinung und ihrer Hersteller in der geschlossenen Gesellschaft zu brechen. Angenommen selbst, da├č die Unterscheidung zwischen Fortschritt und Regression empirisch als rational ausgewiesen werden kann, und angenommen, da├č sie auf die Toleranz angewandt werden und aus politischen Gr├╝nden eine streng unterscheidende Praxis rechtfertigen kann (Abschaffung des liberalen Glaubens an freie und gleiche Diskussion), so ergibt sich daraus noch eine unm├Âgliche Konsequenz. Ich sagte, da├č kraft innerer Logik der Entzug der Toleranz gegen├╝ber regressiven Bewegungen und eine unterscheidende Toleranz zugunsten fortschrittlicher Tendenzen gleichbedeutend w├Ąre mit der ┬╗offiziellen┬ź F├Ârderung des Umsturzes. Der geschichtliche Fortschrittskalk├╝l (der gegenw├Ąrtig der Kalk├╝l der voraussichtlichen Verringerung von Grausamkeit, Elend und Unterdr├╝ckung ist) scheint die wohl├╝berlegte Wahl zwischen zwei Formen politischer Gewalt einzuschlie├čen: die seitens der gesetzlich bestellten M├Ąchte (durch ihre legitime Aktion, ihr stillschweigendes Einverst├Ąndnis oder ihr Unverm├Âgen, Gewalt zu verhindern) und die seitens potentiell umst├╝rzlerischer Bewegungen. Au├čerdem w├╝rde im Hinblick auf die letzteren eine Politik ungleicher Behandlung den Radikalismus von links gegen den von rechts sch├╝tzen. Kann der geschichtliche Kalk├╝l vern├╝nftigerweise auf die Rechtfertigung der einen Form von Gewalt gegen die andere ausgedehnt werden? Oder besser (da ┬╗Rechtfertigung┬ź einen moralischen Beigeschmack hat), gibt es einen geschichtlichen Beweis, der dahin geht, da├č der gesellschaftliche Ursprung und Impuls der Gewalt (ausgehend von den beherrschten oder den herrschenden Klassen, den Verf├╝genden oder den Armen, der Linken oder der Rechten) sich in einem nachweisbaren Verh├Ąltnis zum Fortschritt (wie er oben definiert wurde) befindet?

Bei allen Einschr├Ąnkungen, deren eine Hypothese bedarf, die auf einer unabgeschlossenen geschichtlichen Vergangenheit beruht, scheint es, da├č die aus dem Aufstand der unterdr├╝ckten Klassen erwachsene Gewalt das geschichtliche Kontinuum von Ungerechtigkeit, Grausamkeit und Stillschweigen f├╝r einen kurzen Augenblick durchbrach, kurz aber explosiv genug, um eine Erweiterung des Spielraums von Freiheit und Gerechtigkeit, eine bessere und gleichm├Ą├čigere Verteilung von Elend und Unterdr├╝ckung in einem Gesellschaftssystem zu erreichen - mit einem Wort: einen Fortschritt der Zivilisation. Die englischen B├╝rgerkriege, die Franz├Âsische Revolution, die Chinesische und die Kubanische Revolution k├Ânnen diese Hypothese veranschaulichen. Demgegen├╝ber wurde der eine geschichtliche Wechsel von einem Gesellschaftssystem zum anderen, der den Beginn einer neuen Epoche der Zivilisation markierte, nicht von einer wirksamen Bewegung ┬╗von unten┬ź inspiriert und durchgesetzt, n├Ąmlich der Zusammenbruch des R├Âmischen Reiches im Westen, der zu einer langen Verfallsperiode f├╝hrte, die Jahrhunderte w├Ąhrte, bis eine neue, h├Âhere Periode der Zivilisation in der Gewalt der ketzerischen Revolten des dreizehnten Jahrhunderts und in den Bauern- und Arbeiteraufst├Ąnden des vierzehnten Jahrhunderts entstand.

Hinsichtlich der geschichtlichen Gewalt, die von den herrschenden Klassen ausging, scheint sich kein derartiges Verh├Ąltnis zum Fortschritt nachweisen zu lassen. Die lange Reihe dynastischer und imperialistischer Kriege, die Liquidation von Spartakus in Deutschland im Jahre 1919, der Faschismus und der Nationalsozialismus durchbrachen das Kontinuum der Unterdr├╝ckung nicht, sondern festigten und modernisierten es vielmehr. Ich sagte, ┬╗ausgehend von den herrschenden Klassen┬ź: freilich gibt es kaum eine organisierte Gewalt von oben, die keine Massenunterst├╝tzung mobilisiert und aktiviert; die entscheidende Frage ist, im Namen und im Interesse welcher Gruppen und Institutionen wird solche Gewalt freigesetzt? Und die Antwort ist nicht notwendigerweise eine Antwort ex post: bei den soeben erw├Ąhnten geschichtlichen Beispielen lie├č sich vorwegnehmen und wurde vorweggenommen, ob die Bewegung dazu dienen w├╝rde, die alte Ordnung zu st├Ąrken, oder dazu, eine neue herbeizuf├╝hren.

Befreiende Toleranz w├╝rde mithin Intoleranz gegen├╝ber Bewegungen von rechts bedeuten und Duldung von Bewegungen von links. Was die Reichweite dieser Toleranz und Intoleranz angeht, so m├╝├čte sie sich ebenso auf die Ebene des Handelns erstrecken wie auf die der Diskussion und Propaganda, auf Worte wie auf Taten. Das traditionelle Kriterium ┬╗eindeutiger und gegenw├Ąrtiger Gefahr┬ź scheint einer Stufe nicht mehr angemessen, auf der sich die ganze Gesellschaft in der Lage des Theaterpublikums befindet, wenn jemand ┬╗Feuer┬ź schreit. Es ist eine Lage, in der sich in jedem Augenblick die totale Katastrophe ausl├Âsen lie├če, nicht nur durch ein technisches Versagen, sondern auch durch eine rationale Fehleinsch├Ątzung der Risiken oder eine unbesonnene Rede eines der F├╝hrer. Unter den vergangenen Umst├Ąnden waren die Reden der faschistischen und nationalsozialistischen F├╝hrer das unmittelbare Vorspiel zum Massaker. Der Abstand zwischen der Propaganda und der Aktion, zwischen der Organisation und ihrer Entfesselung gegen die Menschen war zu gering geworden. Aber die Verbreitung des Wortes h├Ątte unterbunden werden k├Ânnen, ehe es zu sp├Ąt war: h├Ątte man die demokratische Toleranz aufgehoben, als die k├╝nftigen F├╝hrer mit ihrer Kampagne anfingen, so h├Ątte die Menschheit eine Chance gehabt, Auschwitz und einen Weltkrieg zu vermeiden.

Die gesamte nachfaschistische Periode ist eine Periode eindeutiger und gegenw├Ąrtiger Gefahr. Folglich erfordert wahre Befriedung, da├č die Toleranz vor der Tat entzogen werde: auf der Stufe der Kommunikation in Wort, Druck und Bild. Allerdings ist eine derart extreme Aufhebung des Rechts der freien Rede und freien Versammlung nur dann gerechtfertigt, wenn die Gesamtgesellschaft in ├Ąu├čerster Gefahr ist. Ich behaupte, da├č unsere Gesellschaft sich in einer solchen Notsituation befindet und da├č diese zum Normalzustand geworden Ist. Verschiedene Meinungen und ┬╗Philosophien┬ź k├Ânnen nicht mehr friedlich um Anh├Ąngerschaft und ├ťberzeugung aus rationalen Gr├╝nden wetteifern: das ┬╗Forum der Ideen┬ź wird durch diejenigen organisiert und begrenzt, die ├╝ber das nationale und individuelle Interesse verf├╝gen. In dieser Gesellschaft, f├╝r welche die Ideologen das ┬╗Ende der Ideologie┬ź verk├╝ndet haben, ist das falsche Bewu├čtsein zum allgemeinen Bewu├čtsein geworden - von der Regierung bis hinunter zu ihren letzten Objekten. Den kleinen und ohnm├Ąchtigen Gruppen, die gegen das falsche Bewu├čtsein k├Ąmpfen, mu├č geholfen werden: ihr Fortbestehen ist wichtiger als die Erhaltung mi├čbrauchter Rechte und Freiheiten, die jenen verfassungsm├Ą├čige Gewalt zukommen lassen, die diese Minderheiten unterdr├╝cken. Es sollte mittlerweile klar sein, da├č die Aus├╝bung b├╝rgerlicher Rechte durch die, die sie nicht haben, vorausgesetzt, da├č die b├╝rgerlichen Rechte jenen entzogen werden, die ihre Aus├╝bung verhindern, und da├č die Befreiung der Verdammten dieser Erde nicht nur die Unterdr├╝ckung ihrer alten, sondern auch ihrer neuen Herren voraussetzt.

Da├č r├╝ckschrittlichen Bewegungen die Toleranz entzogen wird, ehe sie aktiv werden k├Ânnen, da├č Intoleranz auch gegen├╝ber dem Denken, der Meinung und dem Wort ge├╝bt wird (Intoleranz vor allem gegen├╝ber den Konservativen und der politischen Rechten) - diese antidemokratischen Vorstellungen entsprechen der tats├Ąchlichen Entwicklung der demokratischen Gesellschaft, welche die Basis f├╝r allseitige Toleranz zerst├Ârt hat. Die Bedingungen, unter denen Toleranz wieder eine befreiende und humanisierende Kraft werden kann, sind erst herzustellen. Wenn Toleranz in erster Linie dem Schutz und der Erhaltung einer repressiven Gesellschaft dient, wenn sie dazu herh├Ąlt, die Opposition zu neutralisieren und die Menschen gegen andere und bessere Lebensformen immun zu machen, dann ist Toleranz pervertiert worden. Und wenn diese Perversion im Geist des Individuums anf├Ąngt, in seinem Bewu├čtsein, seinen Bed├╝rfnissen, wenn heteronome Interessen Besitz von ihm ergreifen, ehe es seine Knechtschaft erfahren kann , dann m├╝ssen die Anstrengungen, seiner Entmenschlichung entgegenzuwirken, am Eingang beginnen, dort, wo das falsche Bewu├čtsein Form annimmt (oder vielmehr: systematisch geformt wird) - sie m├╝ssen damit beginnen, den Werten und Bildern ein Ende zu bereiten, die dieses Bewu├čtsein n├Ąhren. Das ist allerdings Zensur, sogar Vorzensur, aber eine, die sich offen gegen die mehr oder weniger verkappte Zensur richtet, welche die Massen-Medien durchdringt. Wo das falsche Bewu├čtsein im nationalen und Massenverhalten vorherrschend geworden ist, ├╝bersetzt es sich fast augenblicklich in Praxis: der beruhigende Abstand von Ideologie und Wirklichkeit, von repressivem Denken und repressivem Handeln, zwischen dem zerst├Ârerischen Wort und der zerst├Ârerischen Tat verk├╝rzt sich gef├Ąhrlich. So kann das Durchbrechen des falschen Bewu├čtseins den archimedischen Punkt liefern f├╝r eine umfassendere Emanzipation - an einer allerdings unendlich kleinen Stelle, aber von der Erweiterung solcher kleinen Stelle h├Ąngt die Chance einer ├änderung ab.

 

Die Kr├Ąfte der Emanzipation lassen sich nicht mit einer gesellschaftlichen Klasse gleichsetzen, die aufgrund ihrer materiellen Lage von falschem Bewu├čtsein frei ist. Heute sind sie hoffnungslos ├╝ber die Gesellschaft zerstreut, und die k├Ąmpfenden Minderheiten und isolierten Gruppen stehen oft in Opposition zu ihrer eigenen F├╝hrung. In der Gesamtgesellschaft mu├č der geistige Raum f├╝r Verneinung und Reflexion erst wiederhergestellt werden. Zur├╝ckgeworfen durch die verwaltete Gesellschaft, wird die Anstrengung zur Emanzipation ┬╗abstrakt┬ź; sie wird darauf reduziert, die Anerkennung dessen zu erleichtern, was geschieht, die Sprache von der Tyrannei der Orwellschen Syntax und Logik zu befreien, die Begriffe zu entwickeln, welche die Realit├Ąt erfassen. Mehr denn je gilt der Satz, da├č Fortschritt in der Freiheit Fortschritt im Bewu├čtsein der Freiheit erfordert. Wo der Geist zum Subjekt-Objekt der Politik und ihrer Praktiken gemacht worden ist, ist geistige Autonomie, die Anstrengung des reinen Denkens, eine Sache politischer Erziehung (oder vielmehr: Gegenerziehung) geworden.

Das bedeutet, da├č vormals neutrale, wertfreie, formale Momente des Lernens und Lehrens jetzt auf eigenem Boden und aus eigenem Recht politisch werden: zu lernen, die Tatsachen, die ganze Wahrheit zu kennen und zu begreifen, bedeutet in jeder Beziehung radikale Kritik, intellektuellen Umsturz. In einer Welt, in der die menschlichen F├Ąhigkeiten und Bed├╝rfnisse gehemmt oder verkehrt sind, f├╝hrt autonomes Denken zu einer ┬╗verkehrten Welt┬ź: Widerspruch und Gegenbild zur etablierten Welt der Unterdr├╝ckung. Und dieser Widerspruch ist nicht einfach ersonnen, nicht einfach das Produkt wirren Denkens oder der Phantasie, sondern die logische Entwicklung der gegebenen, der bestehenden Welt. In dem Ma├če, wie die Befreiung durch das Gewicht einer repressiven Gesellschaft und die Notwendigkeit, in ihr ein Auskommen zu finden, behindert wird, wandert die Unterdr├╝ckung in den akademischen Betrieb selbst ein, noch vor allen Beschr├Ąnkungen der akademischen Freiheit. Da├č der Geist im vorhinein mit Beschlag belegt wird, beeintr├Ąchtigt die Unparteilichkeit und Objektivit├Ąt: wenn der Student nicht in entgegengesetzter Richtung zu denken lernt, wird er geneigt sein, die Tatsachen in den herrschenden Rahmen der Werte einzuordnen. Gelehrsamkeit, das hei├čt der Erwerb und die ├ťbermittlung von Kenntnissen verbietet, die Tatsachen vom Zusammenhang der ganzen Wahrheit zu reinigen und zu isolieren. Zur Wahrheit geh├Ârt wesentlich die Anerkennung des erschreckenden Ausma├čes, in dem Geschichte von den Siegern gemacht und f├╝r sie aufgezeichnet wurde, das hei├čt des Ausma├čes, in dem Geschichte fortschreitende Unterdr├╝ckung war. Und diese Unterdr├╝ckung ist in den von ihr eingesetzten Tatsachen selbst enthalten; damit sind sie selbst mit einem negativen Wert als Teil und Aspekt ihrer Tats├Ąchlichkeit behaftet. Die gro├čen Kreuzz├╝ge gegen die Humanit├Ąt (wie die gegen die Albigenser) mit derselben Unparteilichkeit zu behandeln wie die verzweifelten K├Ąmpfe f├╝r die Humanit├Ąt, bedeutet ihre gegens├Ątzliche historische Funktion zu neutralisieren, die Henker mit ihren Opfern zu vers├Âhnen und die ├ťberlieferung zu verzerren. Solch tr├╝gerische Neutralit├Ąt dient dazu, die Hinnahme der Herrschaft der Sieger im Bewu├čtsein des Menschen zu reproduzieren. Auch hier ist in der Erziehung jener, die noch nicht g├Ąnzlich integriert sind, im Bewu├čtsein der jungen Menschen, der Boden f├╝r befreiende Toleranz erst noch zu bereiten.

Die Erziehung bietet noch ein weiteres Beispiel f├╝r tr├╝gerische, abstrakte Toleranz, die sich als Konkretion und Wahrheit verkleidet: sie fa├čt sich im Begriff der Selbstverwirklichung zusammen. Von der Tendenz, dem Kind alle Arten von Z├╝gellosigkeit zu gestatten, bis zur fortw├Ąhrenden psychologischen Besch├Ąftigung mit den pers├Ânlichen Problemen des Studenten ist eine Bewegung gro├čen Stils im Gange gegen die ├ťbel der psychischen Unterdr├╝ckung und f├╝r das Bed├╝rfnis, man selbst zu sein. H├Ąufig wird die Frage ├╝bergangen, was unterdr├╝ckt werden mu├č, ehe man ein Selbst, man selbst sein kann. Das Potential des Individuums ist zun├Ąchst ein negatives, ein Teil des Potentials seiner Gesellschaft: der Aggression, des Schuldgef├╝hls, der Unwissenheit, des Ressentiments, der Grausamkeit, die seine Lebensinstinkte beeintr├Ąchtigen. Soll die Identit├Ąt des Selbst mehr sein als die unmittelbare Verwirklichung dieses Potentials (sch├Ądlich f├╝r das Individuum), so erfordert sie Unterdr├╝ckung und Sublimation, bewu├čte Umformung. Dieser Proze├č schlie├čt auf jeder Stufe (um die l├Ącherlich gemachten Begriffe zu benutzen, die hier ihre b├╝ndige Konkretheit offenbaren) die Negation der Negation ein, die Vermittlung des Unmittelbaren, und Identit├Ąt ist nicht mehr und nicht weniger als dieser Proze├č. ┬╗Entfremdung┬ź ist das best├Ąndige und wesentliche Element der Identit├Ąt, die objektive Seite des Subjekts - und nicht, als was man sie heute erscheinen l├Ą├čt: eine Krankheit, ein psychologischer Zustand. Freud kannte durchaus den Unterschied zwischen progressiver und regressiver, befreiender und zerst├Ârerischer Unterdr├╝ckung. Die Reklame der Selbstverwirklichung f├Ârdert die Beseitigung beider, sie f├Ârdert das Dasein in der Unmittelbarkeit, die in einer repressiven Gesellschaft (um noch einen Hegelschen Terminus zu verwenden) schlechte Unmittelbarkeit ist. Sie isoliert das Individuum von der einen Dimension, in der es ┬╗sich selbst finden┬ź k├Ânnte: von seinem politischen Dasein, das den Kern seines gesamten Daseins ausmacht. Statt dessen ermutigt sie Nonkonformit├Ąt und Entfesselung in Richtungen) welche die wirklichen Unterdr├╝ckungsmaschinen der Gesellschaft g├Ąnzlich unber├╝hrt lassen, die diese Maschinen sogar st├Ąrken, indem sie die mehr als private und pers├Ânliche und deshalb wirkliche Opposition durch die Befriedigungen einer privaten und pers├Ânlichen Rebellion ersetzen. Die mit dieser Art Selbstverwirklichung einhergehende Entsublimierung ist insofern selbst repressiv, als sie die Notwendigkeit und Macht des Intellekts schw├Ącht, die katalytische Kraft jenes ungl├╝cklichen Bewu├čtseins, das nicht in der archetypischen, pers├Ânlichen Befreiung von der Frustration schwelgt hoffnungsloses Wiederaufleben des Es, das fr├╝her oder sp├Ąter der allgegenw├Ąrtigen Rationalit├Ąt der verwalteten Welt unterliegen wird -, sondern das den Schrecken des Ganzen in der privatesten Versagung erkennt und sich in dieser Erkenntnis verwirklicht, Ich habe zu zeigen versucht, wie die Ver├Ąnderungen in den fortgeschrittenen demokratischen Gesellschaften, die die Grundlage des ├Âkonomischen und politischen Liberalismus untergruben, auch die liberale Funktion der Toleranz ver├Ąndert haben. Die Toleranz, welche die gro├če Errungenschaft des liberalen Zeitalters war, wird noch vertreten und (mit starken Einschr├Ąnkungen) ge├╝bt, w├Ąhrend der ├Âkonomische und politische Proze├č einer allseitigen und wirksamen Verwaltung im Einklang mit den herrschenden Interessen unterworfen wird. Daraus ergibt sich ein objektiver Widerspruch zwischen der ├Âkonomischen und politischen Struktur auf der einen Seite und der Theorie und Praxis des Gew├Ąhren-Lassens auf der anderen. Die ver├Ąnderte Sozialstruktur tendiert dazu, die Wirksamkeit der Toleranz gegen├╝ber abweichenden und oppositionellen Bewegungen zu schw├Ąchen und konservative und reaktion├Ąre Kr├Ąfte zu st├Ąrken. Die Gleichheit der Toleranz wird abstrakt, unecht. Mit dem faktischen Niedergang abweichender Kr├Ąfte in der Gesellschaft wird die Opposition in kleine und h├Ąufig einander widerstreitende Gruppen isoliert, die selbst dort, wo sie innerhalb der engen Grenzen toleriert werden, wie die hierarchische Struktur der Gesellschaft sie setzt, ohnm├Ąchtig sind, weil sie innerhalb dieser Grenzen verbleiben. Aber die ihnen erwiesene Toleranz ist tr├╝gerisch und f├Ârdert Gleichschaltung. Und auf den festen Grundlagen einer gleichgeschalteten Gesellschaft, die sich gegen qualitative ├änderung nahezu abgeriegelt hat, dient selbst die Toleranz eher dazu, eine solche ├änderung zu unterbinden, als dazu, sie zu bef├Ârdern.

Eben diese Bedingungen machen die Kritik solcher Toleranz abstrakt und akademisch, und der Satz, da├č das Gleichgewicht zwischen Toleranz gegen├╝ber der Rechten und gegen├╝ber der Linken wiederhergestellt werden m├╝├čte, um die befreiende Funktion der Toleranz zu erneuern, erweist sich rasch als eine unrealistische Spekulation. Allerdings scheint eine solche ├änderung gleichbedeutend damit, da├č ein ┬╗Widerstandsrecht┬ź eingesetzt wird, das bis zum Umsturz geht. Es gibt kein derartiges Recht f├╝r irgendeine Gruppe oder ein Individuum gegen eine verfassungsm├Ą├čige Regierung, die von einer Mehrheit der Bev├Âlkerung getragen wird, und es kann ein solches Recht auch nicht geben. Aber ich glaube, da├č es f├╝r unterdr├╝ckte und ├╝berw├Ąltigte Minderheiten ein ┬╗Naturrecht┬ź auf Widerstand gibt, au├čergesetzliche Mittel anzuwenden, sobald die gesetzlichen sich als unzul├Ąnglich herausgestellt haben. Gesetz und Ordnung sind ├╝berall und immer Gesetz und Ordnung derjenigen, welche die etablierte Hierarchie sch├╝tzen; es ist unsinnig, an die absolute Autorit├Ąt dieses Gesetzes und dieser Ordnung denen gegen├╝ber zu appellieren, die unter ihr leiden und gegen sie k├Ąmpfen - nicht f├╝r pers├Ânlichen Vorteil und aus pers├Ânlicher Rache, sondern weil sie Menschen sein wollen. Es gibt keinen anderen Richtet ├╝ber ihnen au├čer den eingesetzten Beh├Ârden, der Polizei und ihrem eigenen Gewissen. Wenn sie Gewalt anwenden, beginnen sie keine neue Kette von Gewalttaten, sondern zerbrechen die etablierte. Da man sie schlagen wird, kennen sie das Risiko, und wenn sie gewillt sind, es auf sich zu nehmen, hat kein Dritter, und am allerwenigsten der Erzieher und Intellektuelle, das Recht, ihnen Enthaltung zu predigen.