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MARCUSE - NEU
Herbert Marcuse: Wider die Obszönität des Überflusses
‚ÄěUnser Bewu√ütsein mu√ü sich √§ndern!‚Äú

Eine neue Sensibilität, mit deren Hilfe sich die moderne Technik zur freien Lebenskunst wandelt, bezeichnet Marcuse als eine Grundhoffnung seiner Gedankenwelt.

Der Philosoph und Mitbegr√ľnder der Kritischen Theorie verband Marx und Freud, die innere mit der √§u√üeren Befreiung. Die ‚ÄěKraft der Verneinung‚Äú erkl√§rte der geb√ľrtige Berliner und j√ľdische Antifaschist zur Grundlage einer √Ąsthetik der Freiheit. Als geistiger Vater der weltweiten Studentenbewegung war der unorthodoxe Marxist in den sechziger Jahren bekanntgeworden und b√ľ√üt in Zeiten permanenter Entpolitiserung, B√∂rsencrashs und gesellschaftlicher Lethargie nichts an Aktualit√§t ein.

Vom Klassenkampf hielt der romantische Realist wenig, aber den idealistischen Studenten traute er zu, sich aus Ekel √ľber die obsz√∂ne √úberflu√ügesellschaft mit den Ausgebeuteten, Ge√§chteten und Arbeitsunf√§higen zu solidarisieren. Als Guru f√ľr Revolutionsgl√§ubige taugte Marcuse allerdings nicht, dazu kannte er die philosophischen Klassiker zu gut. Literatur und Philosophie studierte der Sohn aus gutem Haus in Berlin und Freiburg. Seine st√§rkste Pr√§gung erhielt er durch die Freiburger Ph√§nomenologen Husserl und Heidegger. Als das Frankfurter Institut f√ľr Sozialforschung vor Hitler fliehen mu√üte, ging auch Marcuse mit ins Exil und kam √ľber Paris 1934 nach New York. 1940 nahm der Philosoph die amerikanische Staatsb√ľrgerschaft an, und 1954 wurde er an die Brandeis University berufen. Als einer der sch√§rfsten Kritiker des Vietnamkrieges von der Universit√§t entlassen, nahm Marcuse 1965 eine Professur in San Diego an.

Am 29. Juli 1979 ist Marcuse während eines Sanatoriumsaufenthalts in Starnberg gestorben.

 

Herbert Marcuse: Zum Begriff der Utopie

‚ÄěDie fortgeschrittene Industriegesellschaft ist eine eindimensionale!‚Äú

Marcuse argumentiert, da√ü die Unterbindung sozialen Wandels durch eine durch Technik vermittelte politische und geistige Gleichschaltung der Menschen f√ľr die fortgeschrittene Industriegesellschaft charakteristisch sei. Ziel dabei sei, sozialen Protest zu unterbinden. Die Individualit√§t der Menschen werde unterdr√ľckt. Diese Gleichschaltung sei immer weniger mit direkter Gewalt und Zwang verbunden, sondern eine √∂konomisch-technische. Andererseits geht Marcuse aber davon aus, da√ü es durchwegs Kr√§fte gibt, die "die Gesellschaft sprengen k√∂nnen" (Marcuse: Der eindimensionale Mensch. Vorwort. 1967

Diese eindimensionale Welt sei das Gegenteil von einer freien, da eine solche eine Freiheit von √∂konomischer und politischer Kontrolle umfassen m√ľ√üte. Erst dann w√§re die Wiederherstellung eines individuellen Denkens m√∂glich. Freiheit im Sinn der freien Auswahl aus einem breiten Spektrum aus Waren und Dienstleistungen bedeute keine Freiheit, wenn diese Waren die soziale Kontrolle aufrechterhalten.

Die Menschen w√ľrden sich in den Waren wiedererkennen, sie w√ľrden f√ľr ihr Auto, ihren Hi-Fi-Empf√§nger oder ihr K√ľchenger√§t leben (Marcuse, 1967, S. 29). Durch die Manipulation des Geistes mit Hilfe der Technik, der Massenmedien und der Waren entsteht, so Marcuse, ein eindimensionales Denken und Verhalten:

"So entsteht ein Muster eindimensionalen Denkens und Verhaltens, worin Ideen, Bestrebungen und Ziele, die ihrem Inhalt nach das bestehende Universum von Sprache und Handeln transzendieren, entweder abgewehrt oder zu Begriffen dieses Universum herabgesetzt werden" (Marcuse, 1967, S. 32).

Die "h√∂here Kultur" (Oper, Konzert, Theater), so Marcuse, enthalte oppositionelle Elemente. Sie sei"die gro√üe Weigerung - der Protest gegen das, was ist" (Marcuse, 1867, S. 83). Die gegenw√§rtige Gesellschaft versuche diese Elemente zu beseitigen. Dies bezeichnet er als Entsublimierung(Marcuse, 1867, S. 76). Die Massenkommunikationsmittel w√ľrden die Transformation der Kultur zur Ware beschleunigen. Was z√§hle, sei die Verkaufst√ľchtigkeit und der Tauschwert. Die Popularisierung der hohen Kultur setze deren M√∂glichkeit zur Opposition durch die Unterwerfung unter die Gesetze des Marktes au√üer Kraft.

Marcuse hat prinzipiell nichts gegen die massenhafte Verbreitung von Kultur √ľber Kan√§le wie Fernsehen, Kino oder Radio einzuwenden, er betont jedoch, da√ü diese "Kulturmaschine" eine ideologische Funktion im Kapitalismus erf√ľlle:

"Es ist gut, da√ü heute fast jeder die sch√∂nen K√ľnste in den Fingerspitzen haben kann, indem er einfach an einem Knopf seines Radios dreht oder ins n√§chste Kaufhaus geht. Bei dieser Verbreitung werden sie jedoch zu Zahnr√§dern einer Kulturmaschine, dieihren Inhalt ummodelt" (Marcuse, 1867, S. 85).

√Ąhnlich wie Adorno argumentiert also Marcuse, da√ü die Kulturindustrie die Menschen manipuliere, ihr Bewu√ütsein einschr√§nke und sie ohnm√§chtig h√§lt. Sie schr√§nke das Denken der Menschen in dem Sinn ein, da√ü die Spannung zwischen Ersehntem und Erlaubtem verloren gehe. Das Ersehnte sei das Erlaubte, also der Konsum kulturindustriell aufbereiteter Waren. Das Bed√ľrfnis nach Sublimierung werde so verringert, das kritische und oppositionelle Denken au√üer Kraft gesetzt. Der Mensch werde darauf pr√§pariert, das Gebotene passiv hinzunehmen. Sublimierung k√∂nne das wahre Bewu√ütsein und das Bed√ľrfnis nach Befreiung erhalten. Was den Menschen durch die Kulturindustrie pr√§sentiert werde, sei zwar manchmal wild, obsz√∂n, deftig, unmoralisch und m√§nnlich und genau deshalb harmlos.

Auch die Sprache sei im Sp√§tkapitalismus eindimensional. Attribute wie "Freiheit", "Gleichheit" und "Demokratie" w√ľrden z.B. zur Charakterisierung des Kapitalismus herangezogen (freie Wirtschaft, Initiative, Wahlen, usw.). Das t√§usche jedoch √ľber die Tatsachen hinweg, da√ü die herrschende Art der Freiheit Knechtschaft und die herrschende Art der Gleichheit Ungleichheit bedeute (Marcuse, 1867, S.107f). Das Neue sei, da√ü die √∂ffentliche und private Meinung diese Manipulationen allgemein akzeptiere. Sprache und Kommunikation immunisiere sich zunehmend gegen den Ausdruck von Protest und Weigerung. Die Reklame bediene sich der Technik der Belegung von Waren mit Bedeutungen und Images, um die G√ľter zu verkaufen. Gefragt sei also nicht kritisches Denken der potentiellen KonsumentInnen, sondern die stupide, reflexartige Reaktion der Objekte der Reklame. Die Werbung bediene sich einer widerspr√ľchlichen, manipulierenden Sprache, sie schafft neue Wortkreationen, die Waren lobpreisen, eben um jene an den Mann bzw. die Frau zu bringen.

Die Herrschaft stelle das Grausame als v√∂llig normal hin. So w√ľrden z.B. Werbungen des Civil Defense Headquarters f√ľr einen "erstklassigen Bunker gegen atomaren Niederschlag", ausgestattet mit allem Luxus (Fernsehen, Brettspiele, Klubsesseln, usw.) und "entworfen als kombiniertes Zimmer f√ľr die Familie in Friedenszeiten und als Familienbunker gegen Atomniederschl√§ge", als v√∂llig normal betrachtet werden. Ziel dabei sei es, da√ü das Grausame als selbstverst√§ndlich hingenommen und nicht in Frage gestellt wird (Marcuse, 1867, S. 259).

Die heutige Sprache sei eine eindimensionale, eine, die ein Vehikel der Gleichschaltung darstelle und unkritisch sei. Gegenpol dazu sei eine dialektische Sprache, die die Widerspr√ľche benennt. Marx spreche z.B. im Kommunistischen Manifest vom Proletariat, dem die Attribute der totalen Unterdr√ľckung und der totalen Aufhebung der Unterdr√ľckung zuk√§men (Marcuse, 1867, S.119).

Die philosophische Sprache m√ľsse sich von der Alltagssprache abheben, da diese die herrschenden "Male spezifischer Arten von Herrschaft, Organisation und Manipulation" (Marcuse, 1867, S. 207) in sich trage.

Die Sprache der Menschen kann f√ľr Marcuse nicht f√ľr bare M√ľnze genommen werden, da ihr Universum des Denkens eines manipulierter Widerspr√ľche sei. Die Sprache der Objekte der manipulierten Menschen sei nicht deren eigene, sondern jene ihrer Beherrscher: "Indem sie ihre eigene Sprache sprechen, sprechen die Menschen auch die Sprache ihrer Herren, Wohlt√§ter und Werbetexter. Daher dr√ľcken sie nicht nur sich selbst aus, ihre eigene Erkenntnis, ihre Gef√ľhle und Bestrebungen, sondern auch etwas anderes als sich selbst" (Marcuse, 1867, S. 208).


Wahres und falsches Bewußtsein

Die Menschen w√ľrden im Kapitalismus dazu gebracht, die Gesellschaft hinzunehmen. Dies bedeute ein falsches Bewu√ütsein, das aber in ein wahres umgewandelt werden k√∂nne. Die falschen Bed√ľrfnisse, so Marcuse, sind jene, die den Menschen von gesellschaftlichen M√§chten auferlegt werden, die an ihrer Unterdr√ľckung interessiert sind. Es handle sich daher auch um repressive Bed√ľrfnisse.

"Die meisten der herrschenden Bed√ľrfnisse, sich im Einklang mit der Reklame zu entspannen, zu vergn√ľgen, zu benehmen und zu konsumieren, zu hassen und zu lieben, was andere hassen und lieben, geh√∂ren in diese Kategorie falscher Bed√ľrfnisse" (Marcuse, 1967, S. 25)

Solange die Menschen manipuliert werden und kein eigenes autonomes Bewu√ütsein haben, k√∂nnen sie, so Marcuse, kann ihre Antwort auf die Frage, was wahre und falsche Bed√ľrfnisse sind, nicht als ihre eigene verstanden werden.

Die von der Gesellschaft ausge√ľbte Kontrolle werden im Bewu√üten sein Menschen reproduziert. Dies bezeichnet Marcuse als "Introjektion" (Marcuse, 1967, S. 30).

"Das Ergebnis ist nicht Anpassung, sondern Mimesis: eine unmittelbare Identifikation des Individuums mit seiner Gesellschaft und dadurch mit der Gesellschaft als einem Ganzen" (ebd.).

Mit der These der Introjektion steht Marcuse der marxistischen Wider-spiegelungstheorie nahe: Die marxistische Epistemologie betont den Widerspiegelungscharakter der Erkenntnis: Erkenntnis wird als ein Abbild der gesellschaftlichen Verhältnisse, denen der Mensch als Objekt ausgesetzt ist, aufgefaßt. Sozialisierung und die Möglichkeit, daß Menschen Meinungen, Ideologien und Weltbilder aufgezwungen werden, spielen dabei eine wichtige Rolle. Widerspiegelung hat in der marxistischen Philosophie im wesentlichen drei Bedeutungsebenen:

-           als Abbild von Wechselwirkungen auf die Materie,

-           als √úbereinstimmung von Bewu√ütsein mit realen Sachverhalten und

-           (im DIAMAT) als die Abh√§ngigkeit des gesellschaftlichen √úberbaus von

der √∂konomischen Basis in Form der Produktionsverh√§ltnisse (Vgl. Sandk√ľhler, 1990, Band 4, S. 825f).

Das, was die Menschen tun und sagen, gehört Marcuses Ansicht nach nicht ihnen selbst an, da ihr Geist von der Gesellschaft manipuliert werde.

 

Zum Begriff der "Wahrheit" meint er, da√ü ein alternativer Gesellschaftsentwurf dann wahr ist, wenn er mit den realen M√∂glichkeiten √ľbereinstimmt, die die bestehende Gesellschaft als Basis bietet und wenn er die bestehende Totalit√§t als falsch erweisen kann, indem er die Aussicht bietet, die Errungenschaften der Zivilisation zu erhalten und zu verbessern, das Wesen der bestehenden Gesellschaft erfa√üt und der Verwirklichung einer Befriedung des Daseins gr√∂√üere Chancen bietet (Marcuse, 1967, S. 232). Marcuse bezeichnet diesen Wahrheitsbegriff auch als "historische Rationalit√§t". Der Faschismus bleibe immer falsch, die Marxsche Theorie sei wahr.

 Marcuse geht keineswegs davon aus, da√ü das Bewu√ütsein durch die Gesellschaft unwiderruflich in seiner Falschheit bestimmt wird. Er betont immer wieder, da√ü die M√∂glichkeit besteht, da√ü Menschen ein Bewu√ütsein entwickeln, das die Schranken durchbricht, das die bestehende Gesellschaft dem Denken auferlegen will. Eine Transzendenz der bestehenden Bedingungen sei durchwegs m√∂glich. Dazu m√ľ√üten die Menschen jedoch ihrer selbst bewu√üt werden. Dieses Bewu√ütsein sei Voraussetzung und Element einer den Kapitalismus negierenden Praxis.

Marcuse ist nicht optimistisch hinsichtlich der Entwicklung eines wahren Bewu√ütseins der Massen. Nichtsdestotrotz sei dies m√∂glich. Die traditionellen Formen des Protestes w√ľrden immer unwirksamer, notwendig sei die"absolute Weigerung", die den Beginn des Endes des Kapitalismus bedeuten k√∂nne. Die kritische Theorie der Gesellschaft k√∂nne nichts versprechen und keinen Erfolg garantieren, daher bleibe sie bei der Negierung der bestehenden Verh√§ltnisse. Damit wolle sie jenen die Treue halten, die sich der Gro√üen Weigerung hingeben (Marcuse, 1867, S. 266ff).

Technik

Die Aufgabe der Technik im Kapitalismus sei es, neue Formen sozialer Kontrolle zu etablieren. Diese Kontrollen h√§tten eine totalit√§re Tendenz. Daher k√∂nne keine Neutralit√§t der Technik behauptet werden. Die Massenmedien, der Rundfunk und das Fernsehen h√§tten im Kapitalismus eine bewu√ütseinspr√§gende Rolle der Manipulation. Im Kapitalismus ist also Technologie f√ľr Marcuse eine Form sozialer Kontrolle und Herrschaft.

"In der gegenw√§rtigen Lage herrschen die negativen Z√ľge der Automation vor: Antreiberei, technologische Arbeitslosigkeit, St√§rkung der Position der Betriebsf√ľhrung, zunehmende Ohnmacht und Resignation auf seiten der Arbeiter. Die Aufstiegschancen nehmen ab, da die Betriebsf√ľhrung Ingenieure und Hochschulabsolventen vorzieht" (Marcuse, 1967, S. 50).

Die Produktionstechnik des Kapitalismus verändere das Bewußtsein der Arbeitenden auch in folgendem Sinn: Die Fixierung der Arbeit auf automatische und halbautomatische Reaktionen sei eine "anstrengende, abstumpfende, unmenschliche Sklaverei" (Marcuse, 1967, S. 45).

Marcuse beschreibt auch bereits eine Tendenz dazu, da√ü in einigen Betrieben die Arbeitenden ein ernsthaftes Interesse am Betrieb zeigen. 30 Jahre sp√§ter ist diese "Mitbeteiligung der Arbeiter" unter dem Stichwort "partizipatives Management" einer der bedeutendsten aktuellen Bestandteile der Managementtheorie und neuer Strategien der Unternehmensf√ľhrung. Durch die Automatisierung, so Marcuse, werde immer weniger lebendige Arbeitskraft notwendig, die sich in tote Arbeit (in Form der Vergegenst√§ndlichung in der Ware) verwandelt. Dies bedeute eine tendenzielle Aufhebung des Wertgesetzes und der Marxschen Begriffe des Mehrwerts und der organischen Zusammensetzung des Kapitals. Damit ist gemeint, da√ü, wenn die industrielle Arbeit immer weniger wird, die klassischen Kategorien, mit denen sie in der Theorie beschrieben wurde, ebenfalls immer weniger anwendbar werden.

Einerseits zeige sich im Kapitalismus eine Tendenz der Aufhebung der Arbeit, andererseits aber solle die Arbeit als Profitquelle erhalten bleiben. Aus diesem Widerspruch entst√ľnden Probleme wie technologisch bedingte Arbeitslosigkeit und Armut.

Technik sei nicht, so wie von Max Weber und Arnold Gehlen angenommen, wertfrei. In der kapitalistischen Gesellschaft, die totalit√§re Z√ľge angenommen habe, k√∂nne Technik nicht von ihrem Gebrauch abgel√∂st werden. Die technologische Gesellschaft sei ein Herrschaftssystem, dieses sei bereits bei der Konstruktion der Techniken wirksam (Marcuse, 1967, S. 18).

An manchen Stellen kann bei Marcuse der Eindruck entstehen, da√ü er die Technik in technikdeterministischer Manier selbst als Herrschaft betrachtet und nicht ausreichend ber√ľcksichtigt, da√ü die kapitalistische Herrschaft als eine personale Herrschaft betrachtet werden kann, in der die Technik Mittel zur Aus√ľbung von Herrschaft ist:

"Nicht erst ihre Verwendung, sondern schon die Technik ist Herrschaft (√ľber die Natur und √ľber den Menschen)" (Marcuse, 1965, S. 179).

Solche Stellen sind aber nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Im Allgemeinen geht Marcuse davon aus, da√ü Technik ein dialektischer Begriff ist in dem Sinn, da√ü sie, abh√§ngig von ihrer Einbettung in die Gesellschaft und der Gestaltung der Rahmenbedingungen des Einsatzes, durchwegs unterschiedlich verwendet werden kann. Wegen solchen vereinzelten Passagen wurde Marcuse aber immer wieder in dieselbe Reihe mit Technikdeterministen wie Schelsky, Gehlen und Freyer gestellt. Die manchmal widerspr√ľchlichen Aussagen Marcuses erm√∂glichten es Kritikern, ihn falsch zu interpretieren, und ihn als "b√ľrgerlichen" Denker hinzustellen. Tats√§chlich ist Marcuses Technikbegriff aber als ein dialektischer betrachtet werden.

Wenn Marcuse meint, die Herrschaft sei eine Technologie (Marcuse, 1967, S. 173), so ist dies nicht technikdeterministisch in dem Sinn zu verstehen, da√ü die Technik selbst Herrschaft bedeute, sondern so, da√ü neben der Herrschaftsaus√ľbung mittels Technik im Kapitalismus noch zu beachten ist, da√ü die Aus√ľbung von Herrschaft selbst als eine spezielle Form des allgemeinen Begriffes Technik verstanden werden kann: als Sozialtechnologie.

Marcuses Ablehnung des Technikdeterminismus wird auch in folgendem Zitat deutlich:

"Technik als solche kann nicht von dem Gebrauch abgelöst werden, der von ihr gemacht wird; die technische Gesellschaft ist ein Herrschaftssystem, das bereits im Begriff und Aufbau der Techniken am Werke ist" (Marcuse, 1967, S. 18).

Eine andere Technik

Marcuse hat einen dialektischen Technikbegriff: Er geht zwar davon aus, da√ü die Technik im Kapitalismus so verwendet wird, da√ü sie ein Mittel ist, um die Menschen gleichzuschalten und ohnm√§chtig zu halten. Ein freiheitlicher Gebrauch der Technik scheint ihm unter diesen Umst√§nden nicht m√∂glich. Unter postkapitalistischen Verh√§ltnissen, so Marcuse, kann Technik so eingesetzt werden, da√ü sie die gesellschaftlich notwendige Arbeit, die durch den Menschen zu verrichten ist, auf ein Minimum reduziert und ihm ein h√∂chstes Ma√ü an Freiheit und Selbstbestimmung garantiert. Der Einsatz von Technik bedeute dann nicht Gleichschaltung, Manipulation und Ende der Individualit√§t, sondern die M√∂glichkeit eines Wohlstandes f√ľr alle, eines "Daseins in freier Zeit auf der Basis befriedigter Lebensbed√ľrfnisse" (Marcuse, 1867, S. 242).

"Die technologischen Prozesse der Mechanisierung und Standardisierung k√∂nnten individuelle Energie f√ľr ein noch unbekanntes Reich der Freiheit jenseits der Notwendigkeit freigeben. [...] das Individuum w√ľrde von den fremden Bed√ľrfnissen und M√∂glichkeiten befreit, die die Arbeitswelt ihm auferlegt. Das Individuum w√§re frei, Autonomie √ľber ein Leben auszu√ľben, das sein eigenes w√§re" (Marcuse, 1967, S. 22).

"Vollst√§ndige Automation im Reich der Notwendigkeit w√ľrde die Dimension freier Zeit als diejenige er√∂ffnen, in der das private und gesellschaftliche Dasein sich ausbilden w√ľrde. Das w√§re die geschichtliche Transzendenz zu einer neuen Zivilisation" (Marcuse, 1967, S. 57).

Der eigentliche Zweck der Technik, der aber im Kapitalismus nicht realisierbar sei, ist f√ľr Marcuse die Erm√∂glichung eines "befriedeten Daseins", das einen Sieg √ľber den Mangel herstelle. Dieses w√ľrde auch qualitativ andere Beziehungen zwischen den Menschen und zwischen Mensch und Natur er√∂ffnen (Marcuse, 1967, S. 246). Die technische Unterwerfung der Natur sei bisher einhergegangen mit einer Zunahme der Herrschaft des Menschen √ľber den Menschen (Marcuse, 1867, S. 264).

Die geschichtliche Alternative sei"die geplante Nutzung der Ressourcen zur Befriedigung der Lebensbed√ľrfnisse bei einem Minimum an harter Arbeit, die Umwandlung der Freizeit in freie Zeit, die Befriedung des Kampfes ums Dasein".

Die moderne Technik sei so weit entwickelt, daß sie einen Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse notwendig mache. Dann sei eine "Aufhebung der Arbeit" durch Automatisierung möglich:

"Die fortgeschrittene Industriegesellschaft n√§hert sich dem Stadium, wo weiterer Fortschritt den radikalen Umsturz der herrschenden Richtung und Organisation des Fortschritts erfordern w√ľrde. Dieses Stadium w√§re erreicht, wenn die materielle Produktion (einschlie√ülich der notwendigen Dienstleistungen) derma√üen automatisiert wird, da√ü alle Lebensbed√ľrfnisse befriedigt werden und sich die notwendige Arbeitszeit zu einem Bruchteil der Gesamtzeit verringert. Von diesem Punkt an w√ľrde der technische Fortschritt das Reich der Notwendigkeit transzendieren, in dem er als Herrschafts- und Ausbeutungsinstrument diente, was wiederum seine Rationalit√§t eingeschr√§nkt hat; die Technik w√ľrde dem freien Spiel der Anlagen im Kampf um die Befriedigung von Natur und Gesellschaft unterworfen" (Marcuse, 1967, S. 36).

Auch in diesem Zitat wird Marcuses dialektischer Technikbegriff verdeutlicht: Im Kapitalismus sei Technik ein Herrschafts- und Ausbeutungsinstrument, in einer freien Gesellschaft M√∂glichkeit zur Reduktion der Arbeitszeit aller. Die Automation sei jedoch mit der "auf der privaten Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft im Produktionsproze√ü" (Marcuse, 1867, S. 55) beruhenden Gesellschaft nicht vereinbar. Im Kapitalismus sei ihre Anwendung also widerspr√ľchlich und produziere gesellschaftliche Probleme.

Im Marxismus wurde oftmals die Ansicht ge√§u√üert, da√ü die Technik in unver√§nderter Weise einfach aus dem Kapitalismus in den Sozialismus √ľbernommen werden k√∂nnte. Marcuse vertritt jedoch die Ansicht, da√ü sich eine qualitative √Ąnderung der Gesellschaft nicht nur in √Ėkonomie und Politik einstellen m√ľsse, sondern da√ü auch die "technische Basis" umgeformt werden m√ľsse. Weder Verstaatlichung noch Sozialisierung √§ndere von sich aus die Rationalit√§t, die der Technik zu Grunde liege. Eine neue Richtung des technischen Fortschritts sei n√∂tig, nicht eine quantitative Fortentwicklung der herrschenden technologischen und wissenschaftlichen Rationalit√§t, sondern deren radikale Umwandlung (Marcuse, 1867, S. 239).

Wenn sich die Arbeiterklasse selbst durch eine Revolution befreit, so Marcuse, dann sei eine Gesellschaft m√∂glich, in der ein √úbergang vom Prinzip "Jedem nach seiner Arbeit" zu "Jedem nach seinen Bed√ľrfnissen" stattfindet (Marcuse, 1867, S. 61f). Dabei argumentiert Marcuse wie Marx, da√ü in einer ersten Phase die neue Gesellschaft noch mit den Muttermalen der alten behaftet sein w√ľrde, also der Zwang zur Ent√§u√üerung in der Lohnarbeit noch nicht vollst√§ndig aufgehoben w√§re. Erst nach einer Aufbauphase sei in einer zweiten Phase ein "Reich der Freiheit" zu erreichen. Erst dann w√ľrde die quantitative √Ąnderung (weniger Lohnarbeit, weniger Herrschaft, usw.) in eine qualitative umschlagen (keine Lohnarbeit, keine Herrschaft, usw.). Im "Reich der Freiheit" sei die Verteilung lebenswichtiger G√ľter ohne R√ľcksicht auf Arbeitsleistung und die Reduktion der Arbeitszeit auf ein Minimum m√∂glich (Marcuse, 1867, S. 64).

Die bestehende Technik, so Marcuse, sei ein Instrument destruktiver Politik, daher m√ľ√üte eine qualitative Ver√§nderung der Politik mit der √Ąnderung der Richtung des technischen Fortschritts einhergehen. Die Politik m√ľ√üte eine neue Technik entwickeln (Marcuse, 1867, S. 238). Die Technik m√ľ√üte aber nicht vollst√§ndig erneuert werden, da sie auch schon heute Bed√ľrfnisbefriedigung und die Verringerung harter Arbeit erm√∂gliche (ebd., S. 242f). Ein Umbau der Technik sei daher notwendig.

 

Fazit

Bei Gehlen, Freyer und Schelsky erscheint Technik als eine Herrschaft der Sachzw√§nge und der technischen Logik √ľber die Menschen. Marcuse setzt diesen Ansichten eine Gegenthese entgegen: Die Technik ist Herrschaftsmittel der herrschenden Klasse, sie ist ein Mittel zur Manipulation des Bewu√ütseins, zur Herstellung falscher Bed√ľrfnisse und der Eindimensionalit√§t des Denkens sowie Handelns.

Nach dieser These stellen die Ansichten Gehlen, Freyers und Schelsky Versuche dar, Herrschaftsverh√§ltnisse zu entpersonalisieren und die Technik prinzipiell zu d√§monisieren. Bei Marcuse ist hingegen die Herrschaft ein personalisiertes Verh√§ltnis und die Technik unterst√ľtzendes Mittel zu ihrer Aus√ľbung. Marcuses Technikbegriff ist weder technikpessimistisch, noch -optimistisch, da er davon ausgeht, da√ü die Auswirkungen der Technik von ihrer gesellschaftlichen Einbettung und den institutionellen Rahmenbedingungen abh√§ngen. Im Kapitalismus bedeute Technik Manipulation und die Herstellung einer eindimensionalen Gesellschaft, im Sozialismus k√∂nne sie aber v√∂llig anders angewendet werden, als ein Mittel zur Aufhebung der Arbeit, das ein "Daseins in freier Zeit auf der Basis befriedigter Lebensbed√ľrfnisse", einen Sieg √ľber den Mangen und ein "befriedigtes Sein" erm√∂gliche. Marcuses Technikbegriff kann daher als dialektisch eingestuft werden. Wesentlich ist f√ľr ihn ein utopisches Denken und ein vision√§rer Einsatz von Technologien.

Es wurde bereits im Kapitel √ľber J√ľrgen Habermas erw√§hnt, da√ü dieser genau diesen Punkt an Marcuse kritisiert: Die Gesellschaft sei nun einmal durch die Arbeit gepr√§gt und daher sei es nicht einsehbar, warum die bestehende Technik durch eine qualitativ Neue ersetzt werden sollte. Habermas kritisiert weiters, da√ü solche Utopien konkrete alternative Entw√ľrfe zum Bestehenden bieten m√ľ√üten, um ernsthaft in Betracht gezogen zu werden. Marcuse liefere aber keine derartigen Entw√ľrfe. Das Gegenargument zu Habermas lautete wiederum, da√ü dieser jede Hoffnung auf Alternativen aufgegeben habe und im Bestehenden verharre. Ein m√∂glicher positiver Einsatz von Technik komme Habermas durch seinen Technikpessimismus gar nicht in den Sinn.