HOME

REZENSIONEN: Stand 9.12.2000

Frankfurter Rundschau
Speed 3000
Schlingensief fÀhrt U-Bahn

Der U-Bahn-Zug, der haltlos durch den Untergrund rast, dem tödlichen, finalen Crash entgegen, darin der Held, der ihn aufhalten muss: das Szenario kennt man aus Action-Filmen wie Speed. Solch eine U-Bahn auf der Reise ins Nichts ist ein wunderbarer Schauplatz fĂŒr ein modernes Drama. Ganz klassisch werden die aristotelischen Einheiten von Ort, Handlung und Personen automatisch eingehalten, ganz heutig rattern die RĂ€der dazu und versprechen Dynamik und UrbanitĂ€t. Wenn Christoph Schlingensief mit seinem Chaos-Theater in eine U-Bahn steigt, steht am Ende der Fahrt nicht die Katastrophe, sondern einfach nur Berlin-Spandau; dafĂŒr gibt es die ganze Fahrt ĂŒber Speed, und der Crash wird in jeder Sekunde inszeniert.

U-Bahn 3000 heißt Schlingensiefs neue Fernsehshow, zu sehen auf MTV. Das Umfeld ist also Pop; und auch der Trailer ist in der gewohnt raffinierten Ästhetik des Senders gemacht, eine komplexe Strich- und FlĂ€chenstruktur, aus denen sich im schroffen Takt von Drum & Bass gelegentlich die Diagonale eines U-Bahn-Wagens erhebt. Und auch in der Sendung findet sich als bewusst MTV-kompatibles Element die HipHop-Band im "Tanzwagen", die mehrere Minuten spielen darf, ohne von Schlingensief unterbrochen zu werden. Erleichtert schwingt sich die Kamera da in den gewohnten Wackel-Stil ein, wirft sich in coole Froschperspektive, wie das bei der Inszenierung von Bands so ĂŒblich ist. Doch drumherum gibt's Schlingensief, wie man ihn kennt, in einer ExzessivitĂ€t, die kein Fernsehformat bannen kann. "Schnitt", schreit der entfesselte BĂŒrgersohn einmal, aber statt MTV-typischer schneller Schnitte bekommt man eine Kamera zu sehen, die geduldig draufhĂ€lt. Bei Schlingensief muss der Rhythmus nicht vom Wechsel der Einstellungen kommen, er folgt einfach der unermĂŒdlich durch den Waggon wieselnden Hauptperson: Der Mann erreicht durch seine puren Aktionismus ein Reizniveau, das das eines durchschnittlichen Videoclips locker ĂŒbertrifft.

Eine Spielshow soll U-Bahn 3000 sein, und die notwendigen Assessoirs sind vorhanden. Es gibt Kandidaten in Gestalt der Familie Abels, die im Schnelldurchlauf ihr SozialhilfeempfĂ€nger-Schicksal erzĂ€hlen dĂŒrfen - drei Kinder, Mutter krank, Wohnung verschimmelt. Am Ende klauben sie Geldscheine auf, die Schlingensief in die Menge wirft. Es gibt eine "Außenwette", in der eine indische Familie jubelnd ihr Auto zertrĂŒmmert, wĂ€hrend ein mit "Herr Stölzl" eingefĂŒhrter Mann mit niemandem um die Wette schwimmt. Es gibt eine Jury, vertreten durch den Behinderten Mario, mittlerweile bekannt aus zahlreichen Schlingensief-Aktion an der VolksbĂŒhne und anderswo. Es gibt ShowgĂ€ste in Gestalt von Maria und Margot Hellweg, die jodeln und die traurige SozialhilfeempfĂ€ngerfamilie bemitleiden; und bei all diesen Aktionen wird jubelnd "Punkte" eingeblendet, nur wieviele Punkte, das weiß niemand.

Mittendrin der Moderator Schlingensief, der Röntgenaufnahmen seines Bandscheibenvorfalls zeigt, die Hosen herunterlĂ€sst, Whiskey trinkt und redet, redet, redet. "Halleluja, jetzt alle winken", schreit der Massenbezwinger, und das junge, szenige Publikum in der U-Bahn lĂ€chelt wissend und winkt, in der irrigen Meinung, eine ironische Distanz zu ihrer eigenen Erniedrigung transportieren zu können. Dabei sehen neben Schlingensief immer alle aus wie Idioten: Am wenigsten noch die Idioten selbst, die seine Extremperformance-Experimente seit Jahren mitmachen. Denn Schlingensief ist AufklĂ€rer, und er hĂ€mmert es allen ein, die es hören wollen: In unserem Fernsehen ist das Publikum machtlos, eine grölende Schar von MitlĂ€ufern; die GĂ€ste sind Staffage, niemanddarf ausreden außer dem Moderator, und der Moderator ist ein Arschloch. Als Frau Abels anfĂ€ngt zu weinen, wĂ€hrend ihr Mann von ihrer Krankheit erzĂ€hlt, guckt die Kamera schnell weg - und Schlingensief beginnt zu brĂŒllen, schimpft ĂŒber die Hans Meisers und Co, die Geld verdienen an den weinenden Menschen, schimpft ĂŒber die Gesellschaft, in der Leute wie die Abels weinen mĂŒssen, damit sie ĂŒberhaupt irgendetwas bekommen, und schimpft schließlich ĂŒber den Zynismus eines Harald Schmidt, eines Stefan Raab, denn: "Zynismus ist staatsstabilisierend". Und es stimmt: von der Konsens-Ironie Harald Schmidts, von der routinierten Provokation Stefan Raabs ist Schlingensief weit entfernt.

Schlingensief missbraucht seine Familie Abels, er missbraucht seine Inder, die ihr Auto zerstören - aber er missbraucht sie im Dienste der Wahrheit. Er ist der letzte Moralist; der Zweck seiner Inszenierung ist Katharsis, die Erregung von Mitleid und Furcht, die Reinigung der Affekte im Dienste eines besseren Menschen. Ab jetzt jeden Donnerstag: MTV als moralische Anstalt.
[ document info ]
Copyright © Frankfurter Rundschau 2000


BUND - Schweiz
Aufzeichnungen aus dem Untergrund
«U3000»
 / Der deutsche AktionskĂŒnstler Christof Schlingensief ist fĂŒr den Musiksender MTV mit einer infernalischen Talk-Show in einer Berliner U-Bahn unterwegs.

lex. MTV beschĂ€ftigt wohl etliche Trend-Scouts, um der Aufmerksamkeit seines juvenilen Zielpublikums BestĂ€ndigkeit zu verleihen; jetzt wird - Respekt! - gar mit dem Anarcho-Clown des deutschen Kultur-Establishments paktiert. Es ist ein Pakt mit einem smarten TV-Teufelchen. In Britz-SĂŒd betritt der Apothekersohn aus Oberhausen die U-Bahn der Linie 7; im Schlepptau hat er eine fidele Ausflugsgesellschaft mit Senioren, Journalisten, Schauspielern und der vertrauten Gruppe talentierter Behinderter. Dem normalen Fahrgast bleibt der Zutritt verwehrt, zu explosiv ist die Schicksalsgemeinschaft auf ihrem Höllentrip. Trifft sich hier eine obskure Sekte mit einem komischen Heiligen an der Spitze, der in der Pose des Erlösers jeden zweiten Satz mit einem Halleluja bechliesst? In ein togaĂ€hnliches Eremitengewand gekleidet, wirbelt er durch den Wagon und kotzt sich verbal aus bis zur körperlichen Erschöpfung.

Finden die Apokalyptiker der Welt Zuflucht im Untergrund sĂŒndhafter Metropolen? Viel besser: Das 40-jĂ€hrige Multitalent Christoph Schlingensief - als Theatermacher wirkt er vor allem an Castorfs Berliner VolksbĂŒhne, und als Filmregisseur ging er als Schöpfer des «deutschen KettensĂ€genmassakers» in die Annalen ein - inszeniert wieder ein virtuos kalkuliertes Medienspektakel.

«Talk 2000» als Training

Mit seiner «AuslĂ€nder raus!»-Aktion in Wien ist er uns in bester Erinnerung. Zehn vermeintliche Asylbewerber wurden in einen «Big Brother»-Container gesperrt; die vom Publikum via Internet AbgewĂ€hlten liess er «ausschaffen». Schlingensief demonstrierte seine FĂ€higkeit, die Zumutungen einer aus allen Fugen geratenen Medien- und Spassgesellschaft in einen - bedenkt man die wĂŒtenden Reaktionen der FPÖ - politisch erhellenden Kontext zu stellen. Auch die wie KrebsgeschwĂŒre wuchernden Talk-Shows hat der genialische Eulenspiegel 1997 in «Talk 2000» hellsichtig demaskiert. In der Kantine der VolksbĂŒhne versammelte er Promis auf abgewetzten Sofas, die sich - sinnfĂ€llig! - um die eigene Achse drehten. Was Schlingensief jetzt in «U3000» als rasender ConfĂ©rencier betreibt - die GĂ€ste von der Sozialfallfamilie bis zu Prominenten wie Roberto Blanco werden als Sendezeit fĂŒllende Ware gnadenlos duch die U-Bahn geschleust -, testete er bereits wirkungsvoll im «Talk 2000».
Erweckungsprediger Schlingensief hÀlt passend zur Adventszeit Herbert Marcuses «Konterrevolution und Revolte» in die Kamera und wundert sich, dass die Wartenden in den Stationen unbewaffnet sind. Am Ende der ersten Sendung beschwichtigte er sein Publikum: «Seien Sie beruhigt, diese Gesellschaft wird es in zehn Jahren eh nicht mehr geben, denn es wird eine Kulturrevolution stattfinden.» Den Wagon zieren im Pop-Art-Stil angefertigte Konterfeis von Helmut Kohl, Margot Honecker, Jesus und Che. Schlingensief weiss: Nur in garantiert sinnfreier Zone kann sich der monumentale (Un-)Sinn unserer TV-Gesellschaft zur Kenntlichkeit verzerren.
Schlingensiefs ĂŒberdrehte Persiflage von Reality-TV, seine Denunziation der Meisers und SchĂ€fers in den Betroffenheitstalks als quotengeile Zyniker schafft tatsĂ€chlich Momente von grotesker Komik: Den Entertainer-Mohren Roberto Blanco mit der Frage «Brauchen wir in Deutschland eine Revolution?» zu konfrontieren, verdient grösste Anerkennung. Und die Antwort ist in ihrer dadaistischen Logik ein kostbares Juwel: Es wĂ€re schön, so Blancos Gedankenfrucht, wenn alle Arbeitslosen Deuschlands endlich arbeiten wĂŒrden. Das verschlĂ€gt sogar Schlingensief fĂŒr einen kurzen Moment die Sprache.

Berliner Chaos-Tage

Der chaotische Fernsehexpress rollt unerbittlich durch die Unterwelt. Als Konzession an die Clip-Ästhetik von MTV werden jeweils donnerstags um 22 Uhr kleine, 25-minĂŒtige Portionen serviert (Wiederholungen: Sa und Mo, 24 Uhr). Doch auch in der Kurzfassung gelingt das Experiment mit Bravour. Die Nivellierung jeglicher Inhalte bis zu deren Auflösung wird praktisch durchgespielt. Die Mechanik der Fernsehunterhaltung ist in dieser absurden Nummernrevue schön zu besichtigen. Nach der Ironie komme das Pathos, verriet Oberzyniker Harald Schmidt kĂŒrzlich dem «Spiegel»: Schlingensief ist einer dieser Vorboten. Hinter seiner Maske als clownesker Medien-Zampanoo steckt ein moralischer Impetus. Er gibt sich als verspielter, provokativer Rotzbengel. Doch in der unterirdischen Freakshow tritt etwas geradezu Altmodisches zutage: eine politische Haltung. Der Mann ist tatsĂ€chlich von einer revolutionĂ€ren Mission durchdrungen.


Der Standard - Wien
"Das will ich nicht. Halleluja!"
Christoph Schlingensief, MTV-Talkshow "U-3000"

In Berlin gibt es viele fahrende Musikanten. Sie betreten die U-Bahn immer knapp vor der Abfahrt, klimpern ein Lied, nehmen eine mĂŒde Mark in Empfang und hinterlassen eine Stimmung vager Hoffnungslosigkeit. FĂŒr Christoph Schlingensief sind diese SĂ€nger "Bomben, die darauf verzichten, sich selbst zu zĂŒnden", und damit ein weiteres Symptom fĂŒr den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Depression, den man in allen wichtigen Denkschulen des neuen Deutschland verstehen möchte.

Die erste Folge von U-3000, dem neuen, in einer Berliner U-Bahn gedrehten Talk-Projekt von Schlingensief, endet denn auch mit einer Prophezeiung: "In zehn Jahren wird sich dieses gesellschaftliche System selbst zerstört haben." Danach explodiert das Show-Logo in einer typischen MTV-Grafik - es ist eine elegante Bewegung der Zeichen, und sie wirkt frivol nach Schlingensiefs frenetischem Menschenfischzug fĂŒr diese Talk-Show, die wie alle seine Aktionen weit in seine persönliche Geschichte zurĂŒckreicht.

Die Prophezeiung ĂŒber den Untergang dieser Gesellschaft hat er, so Schlingensief im GesprĂ€ch mit dem STANDARD, seinerseits von Joseph Beuys gehört, bei einer Veranstaltung des "Lion's Club" an der Seite seines Vaters. "Ich war damals noch ein kleiner Junge, und wir saßen da und hörten uns eine Rede von Beuys an, und am Ende sagte er: ,Diese Gesellschaft ist in sieben Jahren komplett zerstört.' Da haben sie alle gebellt! Das gibt's doch nicht, und so weiter. Aber ich habe bemerkt, dass sich mein Vater jedes Jahr im Kalender das Datum dieser Rede eingetragen hat, und nach sieben Jahren war Beuys widerlegt."

Mit U-3000 wird er wieder ins Recht gesetzt, denn das Ende der Gesellschaft ist nicht wörtlich zu nehmen, sondern als prophetische Rede, und man sieht Schlingensief an, wie sehr ihn der wiedergefundene Kampfruf "Halleluja" aus einem Zustand der "Abstraktion" herausfĂŒhrt, in den er ĂŒber die letzten Jahre hinweg gekommen war.

Der Erfolg seiner Theaterunternehmen, sein wachsender Ruhm als Störenfried, seine genial improvisierten Operationen an den Nervenenden der Mediengesellschaft hÀtten ihn sich selbst entfremdet, erzÀhlt er. Erst eine Afrika-Reise, die Container-Aktion in Wien sowie eine neue Beziehung brachten ihn wieder auf die Geleise, und plötzlich war die U-3000 abfahrbereit. Ausgerechnet auf MTV, wo noch jede Verausgabung in eine Pose verwandelt wurde.

Aber Schlingensief bewirkt tatsĂ€chlich das Wunder der RĂŒckverwandlung (die religiösen Bilder legt er alle selbst nahe). Seine "EntĂ€ußerung" endet siegreich, zumindest in der ersten Folge. Er geht integer aus dieser Show hervor, auch wenn er manchmal seine Position herausbrĂŒllen muss:

"Das will ich nicht. Halleluja!" Er will keine Proll-Show, auch wenn er etwa mit der schwer kranken Frau Abels und ihrem schmĂ€chtigen Mann Menschen eingeladen hat, die im Fernsehen immer nur vorgefĂŒhrt werden können, und mit den Jodlerinnen Maria und Margot Hellwig zwei Glockenstimmen, die immer noch einen paraten Satz zu viel auf Lager haben: "Aber wir haben doch ein Sozialsystem."

Logik der Überbietung

Das System ist zu langsam fĂŒr Frau Abels, wĂ€hrend die U-3000 mit 55 Stundenkilometern fĂ€hrt. Schlingensief weiß, dass seine Talkshow nur durch eine Logik der Überbietung funktionieren kann. "Ich bin Ihr ganz persönliches Arschloch!" Als Moderator muss er "durch die Hölle gehen", und seine GĂ€ste mit. Auf eine großartige Weise kehrt Schlingensief so auch wieder zu seinen filmischen Low-Budget-AnfĂ€ngen zurĂŒck.

Bei MTV wird schnell geschnitten, also musste Schlingensief körperlich dagegenhalten. "Wir haben mit jeder neue Folge neue Tricks ausprobiert, wie ich mich markieren konnte, um nicht anschlussfÀhig zu werden. Ich habe mich sukzessive bemalt, damit man mich nicht schneiden konnte, ohne einen seltsamen Sprung zu haben."

Mit dem Ergebnis der ersten Folge kann er trotzdem gut leben, es ist auch keineswegs Formatfernsehen. Gegen Ende gibt es ein schönes Experiment, wenn die Zuseher in Königswusterhausen aufgefordert werden, den Fernseher auszuschalten und so den Stromverbrauch signifikant zu senken, was U-3000 sich als eine negative Quote wieder auf die Fahnen heften könnte.

FĂŒr die nĂ€chsten Folgen darf man ein schönes Bild erwarten: Schlingensief als der neue Siegfried, dessen Drachenhaut eine verwundbare Stelle aufweist, weil er beim Vollbad eine Aktie auf dem RĂŒcken trug. Das ist eine Messiasrolle nach seinem Geschmack, und Schlingensief hat gute Zeugen. Er hĂ€lt Marcuses Buch Konterrevolution und Revolte in die Kamera und ruft: "Das ist in der edition suhrkamp erschienen, da gibt's jetzt auch ein Buch von mir!": Schlingensief's AuslĂ€nder raus, herausgegeben von Matthias Lilienthal und STANDARD-Kulturressortleiter Claus Philipp, wird er ĂŒbrigens am 13. 12. im Wiener Schauspielhaus prĂ€sentieren.
 

Frankfurter Allgemeine Zeitung
Die letzte Metro
Schlingensief ist unser Schaffner auf wilder Fahrt: "U 3000" (MTV)

Ganz am Schluß, wenn die Zuschauer in der U-Bahn so erschöpft sind und ĂŒberrollt wie die zu Hause, da nimmt Christoph Schlingensief noch einmal das große grĂŒne Mikrophon in die Hand und blickt in die Kamera. Das ist der Moment, in dem die Fernsehmoderatoren ĂŒblicherweise bei ihrer persönlichen Bauernregel angekommen sind, doch hier mĂŒssen wir uns weder anhören, daß alles gut wird noch daß wir auf uns aufpassen sollen oder daß nun, Augenaufschlag, das Wetter kommt. Christoph Schlingensief blickt in die Kamera, sammelt sich, lĂ€chelt und spricht: "Denken Sie daran, dieses Gesellschaftssystem ist in zehn Jahren zu Ende." So endet die erste Folge von Schlingensiefs neuer Fernsehsendung "U 3000", die heute abend um 22 Uhr auf dem Musiksender MTV Premiere hat und in den nĂ€chsten acht Wochen donnerstags abends dem Fernsehen seine Zonenrandgebiete zeigen wird. Mit seiner Sendereihe "Talk 2000" hatte Schlingensief die Biolek-Welt pervertiert, mit seiner "Chance 2000" den Parteienstaat abgewĂ€hlt, mit seiner jĂŒngsten Aktion, "AuslĂ€nder raus", in Wien Österreich ausgestellt. Wenn du, so die große, geheime Botschaft all dieser Aktionen, lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.

Nun also die "U 3000": Schlingensief rast fĂŒnfundvierzig Minuten lang in einer U-Bahn durch den Berliner Untergrund, in der Bahn sitzen U-Bahn- Fahrer und prominente GĂ€ste, Margot und Maria Hellwig etwa, Roberto Blanco oder Xavier Naidoo - sie alle werden befragt, angeschrieen, gehetzt, zwischen ihnen rennt Schlingensief durch die Waggons, singt, ruft Hallelujah und verweist auf die Bilder an der Wand: Jesus, Richard Wagner, Helmut Kohl und Margot Honecker. Nebenbei betreibt der Zivilisationskritiker Schlingensief auch Fernsehkritik: Kritik, das heißt fĂŒr ihn immer: zeigen, wie es ist, bis es weh tut. Es werden Außenwetten von "Wetten, daß" imitiert, mit einer fröhlich kreischenden indischen Familie, die ihr Auto schneller zerschlagen will, als Christoph Stölzl durch den Schlachtensee schwimmt. Dann rĂŒhrt er nachmittagstalkshowgeschult eine derangierte Familie am Rande des Existenzminimums durch gefĂŒhlvolles Fragen zu TrĂ€nen - um im nĂ€chsten Moment hysterisch aufzuspringen, seinen eigenen Anteilnahme-Mechanismus zu beschimpfen, und die staatsstabilisierende Funktion des Zynismus mit Schreien und Wehklagen anzuprangern. Schlingensief imitiert die Sprache der Dauerwerbesendung und des Laienpredigers, des Sportmoderators und des Wahnsinnigen, so entblĂ¶ĂŸt er sie alle und lĂ€ĂŸt sich selbst nicht aus. Zum Beweis zieht er sich kurz aus.

Am Ende, so verkĂŒndet er, geht es ohnehin nur um die Chromosomen. Er redet ĂŒber die EntschlĂŒsselung des Genoms und die KĂ€lte der Marktwirtschaft, ĂŒber das Fahrkarten-Verbundsystem in der Berliner U- Bahn und das System Kohl und ruft Hallelujah und: Je grĂ¶ĂŸer die Welt, desto kleiner der Mensch. Margot und Maria Hellwig jodeln und beschwören den Geist der Familie. Draußen hĂ€mmert der Inder auf sein Auto, von seiner Familie im Fond mit anfeuernden Rufen unterstĂŒtzt. Es geht darum, so sagt Schlingensief, bis wann man jemandem glaubt. Sobald man sekundenlang den Eindruck hat, man nĂ€here sich dem telemedialen Irrsinn, flackern klar und hell Schlingensiefs Augen, und man merkt, er hat das Chaos unter Kontrolle. Zivilisationskritik als Extremsportart.

Leicht gerĂ€dert aber angenehm irritiert bleibt der Zuschauer zurĂŒck: vom Wagemut der MTV-GeschĂ€ftsfĂŒhrerin Christiane zu Salm-Salm, Schlingensiefs "U 3000" ohne die ĂŒblichen zielgruppenrelevanten Fahrkartenkontrolleure fahren zu lassen. Und von dem GefĂŒhl, endlich wieder einmal vom Fernsehen ĂŒberfordert zu sein.



Berner Zeitung, Schweiz, 1.12.2000
christoph schlingensief macht TV
«Diese Show ĂŒberrollt einen!»Der deutsche Theater-terrorist Christoph Schlingensief macht wieder Fernsehen: «U 3000», eine wahn-witzige Show aus einer Berliner U-Bahn, fĂŒhrt das Unterhaltungs-TV fies ad absurdum.
*Adrian Zurbriggen
Frau Abels weint. Soeben hat sie begonnen, ihre Geschichte zu erzĂ€hlen. Chronisches Asthma, Schlaganfall, zehn Mal im Spital in drei Monaten. Der Mann hats mit den Bandscheiben, die vielköpfige Kinderschar hungert. Christoph Schlingensief fĂ€hrt dazwischen: «Das wollen wir nicht im TV sehen! Dagegen kĂ€mpfen wir! Hallelujah!» Stattdessen: «Auf in den Tanzwagen!» Die U-Bahn hĂ€lt, Schlingensief zerrt die verdutzte Familie Abels und die Musikantenstadlstars Margot und Maria Hellwig aus dem Waggon, spielt auf dem Bahnsteig kurz ein absurdes Spiel und hechtet in den vorderen Wagen. Dort rappt eine Hip-Hop-Gruppe. Schlingensief brĂŒllt: «Jeder Mensch kann sich verĂ€ndern in der U 3000!». Er hĂ€lt Marcuses Schrift «Konterrevolution und Revolte» in die Kamera und lĂ€sst die Hosen runter. Mutter Abels kichert, die Hellwigs tanzen ungelenk, begabte Behinderte spenden Applaus.

Eisenbahn zur Hölle
Kein Highway to Hell, eine Eisenbahn zur Hölle ist Christoph Schlingensiefs neue TV-Show «U 3000». FĂŒr dieses Fernsehprojekt hat sich der deutsche Regie- und Aktionskunstberserker einen ungewöhnlichen Ort ausgedacht: eine Berliner U-Bahn, unterwegs untertags zwischen Britz und Spandau. «U 3000» ist typisch Schlingensief: schnell, lĂ€rmig, schrill, anarchistisch, ĂŒberdreht, chaotisch - und vor allem subversiv.
Die Bahn rollt wieder an. Es fĂ€hrt ein Zug nach nirgendwo. Schlingensief, schon fast heiser, schreit todernst: «Das hier ist nicht zynisch! Stefan Raab und Harald Schmidt sind zynisch!» Christoph Schlingensief, der in Wien als Reaktion auf die Regierungsbeteiligung der FPÖ zehn vermeintliche Asylbewerber in einen Container steckte, sie dann der Reihe nach abwĂ€hlen und ausschaffen liess - genau der ist zutiefst ĂŒberzeugt, kein Zyniker zu sein. Und eventuell hat er nicht mal Unrecht: Wie schon 1997 mit seiner brillanten ersten TV-Show «Talk 2000» ĂŒberzeichnet und ĂŒberhöht er mit «U 3000» die Mechanismen des Unterhaltungsfernsehens dermassen, dass ihr wahres Wesen erst richtig sichtbar wird.
«U 3000» nimmt alle erdenklichen Shows aufs Korn: NachmittĂ€gliche Betroffenheitstalks? Schlingensief heuchelt nie Mitleid und Interesse - er hört demonstrativ weg. Prominenteninterviews in Late-Shows? Er stellt den Gaststars zwar Fragen, auf ihre Antworten wartet er nie - er will nur sich selber hören. Politpolterrunden der Marke «Explosiv»? Er plĂ€rrt markig sinnfreie SprĂŒchen wie «Der Politiker hat kein Recht auf sein komplett entschlĂŒsseltes Genom!». Heuchlerische Benefizgalas? Er wirft 50-Mark-Scheine in die Luft - Familie Abels darf behalten, was sie im GetĂŒmmel ergattern kann.

Hier wird nicht gelogen!
Nicht «Big Brother», sondern «U 3000» ist wahres Reality-TV. Schlingensief bildet nicht die RealitĂ€t des Lebens ab, sondern jene des Fernsehens. Ohne es kaschieren zu wollen, legt er offen: So funktioniert TV. So wird manipuliert. Dieser ĂŒberdrehte Zirkus glaubt ja wirklich niemand. Das ist durchschaubar und deshalb grundehrlich. Hier wird nicht hinterrĂŒcks gelogen.
Schade nur, dass «U 3000» so stark auf MTV - der Musiksender gewĂ€hrt Schlingensief Gastrecht - getrimmt ist: Die anderthalbstĂŒndigen Aufzeichnungen wurden auf oberhektische videoclipartige 25 Minuten zusammengeschnitten. Dadurch gehen «U 3000» einige QualitĂ€ten von «Talk 2000» ab: Dort konnte Schlingensief insistieren, penetrant draufhalten oder bloss minutenlang schweigen und so einfach, aber eindrĂŒcklich die bleierne Langeweile und die Sprachlosigkeit der Talkshowwelt dokumentieren.
Vielleicht revidiert Christoph Schlingensief das Konzept fĂŒr die folgenden sieben Ausgaben ja auch noch. Denn selbst ihm schien das Tempo bisweilen etwas gar hoch: Am Ende krĂ€chzte er verschwitzt und erschöpft: «Diese Sendung ĂŒberrennt einen ja regelrecht!» Aber immerhin hat er seine eigene Vorgabe mit Bravour erfĂŒllt: «Ein Moderator muss bereit sein, selber durch die Hölle zu gehen!»*
«U 3000»: Jeden Do, 22.00 Uhr, MTV (Wiederholungen Sa und Mo 24.00).


DIE ZEIT vom 7.12.2000
F E R N S E H E N
Pro und contra Christoph Schlingensief
Seit einer Woche moderiert der AktionskĂŒnstler auf MTV die Sendung "U 3000". Muss das sein?
Von Nils Minkmar und Jörg Burger

PRO - von Jörg Burger

MTV, das ist die Bilderhölle, die Welt von Glanz und OberflÀche. Was tut ein falscher Heiliger da, in Sandalen und Priestertoga? Was will er dort mit all den Armen und Kranken, die ihm folgen? Glauben sie ernsthaft, sie fÀnden Erlösung im medialen Fegefeuer?

Der Mann hat seine AnhĂ€nger in die Irre gefĂŒhrt: den Behinderten, der ein bisschen den Moderator spielen darf; die SchlagersĂ€ngerinnen, die lĂ€cheln und jodeln, als wĂ€re dies nicht der völlig falsche Ort; die "Kandidatin" eines Ratespiels, die der Meister mit sinnlosen Fragen maltrĂ€tiert, bis sie in TrĂ€nen ausbricht. Christoph Schlingensief hat Menschen ins Fernsehen geholt, um sie und die Zuschauer zu quĂ€len. Seine neue Talkshow heißt U 3000 und wird in einer fahrenden U-Bahn aufgezeichnet, auf dass der rasende Medienirrsinn sich beschleunige, bis es ihn zerreißt.

Dass es diesmal nicht ganz klappt, liegt nicht daran, dass Schlingensief niemanden gegen sich aufzubringen vermag - darauf kommt es ihm bei seinen Aktionen nur am Rande an, um der eigenen Wirkung willen. Der TV-Terrorist scheitert vor allem als Bilder- und Ideenlieferant, der dem allgegenwÀrtigen Wahnsinn nicht viel mehr entgegenzusetzen hat als den eigenen Wahn.

In den meisten anderen FĂ€llen erweist sich dies als geniales Konzept. Schlingensief nutzt die Denkweisen von Werbung und Marketing, und er kehrt ihre Kraft um, denn er will Wahrheiten nicht verschleiern im Interesse eines Auftraggebers, sondern sie gnadenlos offenlegen. Seine Aktionen zeigen die Welt an ihren Bruchstellen, dort, wo sie gerade aus den Fugen kippt. Ein gelungenes Werk von Schlingensief ist ein Fanal, die Medien liefern ihm die Vorlagen.

Wenn Schlingensief gut ist, zeigt er uns Dinge, die wir noch nicht zu denken oder zu sehen wagen. Vor drei Jahren fĂŒhrte er mit Talk 2000 die Idee der Talkshow auf das Terrain des völlig Absurden. Ein großer Spaß; der Gegner hat sich das Konzept lĂ€ngst abgeguckt. Vor ein paar Monaten setzte Schlingensief in Wien angebliche Asylbewerber in einen Container, ĂŒberwacht von Kameras. Zuschauer sollten entscheiden, wer abgeschoben wird. Was aus dieser teuflischen Idee wird, werden wir bestimmt bald erfahren.

CONTRA - von Nils Minkmar

Halleluja! Seit ĂŒber siebzehn Jahren erscheint uns Christoph Schlingensief alle paar Monate in einem neuen Medium. Mit Filmen fing es in den Achtzigern an, dann widmete er sich dem Theater, spĂ€ter einer Talkshow, einer politischen Partei und einem Wanderzirkus. Und jedes Mal hat er grĂŒndlich wie kein anderer den alten Marshall McLuhan widerlegt: Das Medium, so beweist Schlingensief, ist nicht die Botschaft, denn die Botschaft bleibt in allen Medien gleich. Sie lautet: Schlingensief! Ihn umgibt dabei ein Kranz von diffusen, immer irgendwie brisanten Themen, etwa Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit, soziale Not und allgemeines seelisches Elend. Sie werden aber natĂŒrlich nicht vertieft, sie werden nur anmoderiert, denn dann folgt Schlingensiefs wirksamster und leider auch einziger Trick: Er scheitert. Bei jedem Schlingensief-Auftritt kommt unweigerlich der Moment, an dem er nicht mehr kann, aus der Rolle fĂ€llt und abbrechen muss. Dann spricht er ĂŒber seinen Liebeskummer oder ĂŒber sonst was und schreit. Ob dann Horst Mahler oder Ingrid Steeger neben ihm sitzt, ist völlig egal.

In der neuen MTV-Sendung erleben wir ein Best of Schlingensief. In der ersten Folge prĂ€sentierte er Maria und Margot Hellwig - das ist das Moment des Bizarren, das man von ihm schon erwartet. Hinzu kam die Berliner Familie Abels, von der man erfuhr, dass sie "ein schweres Leben" habe. Bevor wir mehr darĂŒber erfahren konnten, rief der weiß gewandete Schlingensief schnell wieder Halleluja. Dann war endlich sein Moment gekommen: Stellvertretend "fĂŒr alle Liebeskranken Berlins" leerte er eine Flasche Jim Beam und zog sich aus. SpĂ€ter bat er die entsetzte Frau Abels um einen Kommentar zur GrĂ¶ĂŸe seines Penis, was ihr schweres Leben ganz augenscheinlich nicht einfacher gemacht hat. Eines steht fest: Schlingensief hat mit der U-Bahn-Sendung sein perfektes Medium gefunden. In der U 3000 kommt er zu sich selbst: mit hoher Geschwindigkeit und großem LĂ€rm nirgendwohin rasend, aber immer im Bild! (c) DIE ZEIT   50/2000 


DER TAGESSPIEGEL, Berlin
"Schlingensiefs U 3000"
Der totale Talk
Hysterie auf Schienen: Christoph Schlingensief dreht fĂŒr MTV eine Talkshow im Berliner Untergrund
Ihren ersten Höhepunkt erreicht diese U-Bahnfahrt zwischen den Bahnhöfen Blaschkoallee und Grenzallee. Peter Kern brĂŒllt: "Ich kann das nicht mehr ertragen, wie Du die Menschen behandelst in Deinen Scheiß-Projekten!" Christoph Schlingensief brĂŒllt zurĂŒck: "Haltst Maul, Du fette Sau!" Weitere Beschimpfungen folgen, es kommt zu Handgreiflichkeiten. Plötzlich sackt der tatsĂ€chlich ziemlich schwergewichtige Kern, der eine halbe Bankreihe allein fĂŒllt, in sich zusammen. Herzattacke! Was tun? Die Notbremse ziehen? Erste Hilfe leisten? Die Aufnahmeleiterin spricht aufgeregt in ihr Walkie Talkie: "Wir brauchen dringend einen Notarzt!" Die drei Kameraleute, die den Durchgang versperren, halten trotzdem weiter auf den hilflos daliegenden Kern. "Das ist Fernsehen", kommentiert Schlingensief, "hier stirbt jemand, alles live." Endlich hĂ€lt die U-Bahn. Blaschkoallee, tiefstes Neukölln. Peter Kern richtet sich auf. Er sieht jetzt wieder sehr lebendig aus. Und grinst.

Bei den Projekten des Theater- und Filmemachers Christoph Schlingensief ist nie genau auszumachen, wo die Wirklichkeit endet und der Wahnsinn beginnt. NatĂŒrlich weiß man, dass ein ehemaliger Fassbinder-Darsteller wie Peter Kern in der Lage ist, glaubwĂŒrdig sein eigenes Ableben zu spielen. Aber einen Augenblick lang halten es selbst die Mitarbeiter des Drehteams in dem ĂŒberfĂŒllten U-Bahn-Abteil fĂŒr möglich, dass ihm tatsĂ€chlich etwas zugestoßen sein könnte. Diese sekundenkurze Irritation ist es, um die es Schlingensief geht: Weil sein Theater dann aufhört, Theater zu sein.

Schlingensiefs neueste Inszenierung heißt "U 3000". Sie macht dort weiter, wo "Talk 2000" vor zwei Jahren aufhörte. Damals hatte Schlingensief einen Haufen von ganz, halb und gar nicht prominenten GĂ€sten in die Kantine der Berliner VolksbĂŒhne eingeladen. Sie hockten auf einer DrehbĂŒhne, die sich langsam um die eigene Achse drehte, und hatten einander nicht viel zu sagen. Schlingensief schwieg lieber, als Fragen zu stellen, mit Martin Wuttke prĂŒgelte er sich, und Ingrid Steeger rannte heulend aus der Show. "Talk 2000", zu nachtschlafener Zeit auf Sat 1 versendet, war ein Kamikaze-Angriff auf das Genre Talkshow, der dann paradoxerweise mit einem Grimme-Preis dekoriert wurde. "U 3000" ist ein erneuter Versuch, die Sinnfreiheit des Fernsehens mit Hilfe des Fernsehens bis zur Kenntlichkeit zu entstellen. Nur, dass die Sendung diesmal unter der Erde und auf Schienen stattfindet. Und zwar im Auftrag von MTV.

Acht Mal ist der aus vier Waggons bestehende Schlingensief-Sonderzug in der letzten Woche auf der Linie 7 zwischen dem Betriebsbahnhof in Britz SĂŒd und der Station Rohrdamm hin- und hergependelt. Jede Fahrt dauerte rund zwei Stunden, von denen in der geschnittenen Fassung aber nur dreißig Minuten zu sehen sein werden. Bei der letzten Aufzeichnung am Samstagabend sind außer Peter Kern auch noch der SchlagersĂ€nger Frank Schöbel, die Rap-Band FĂŒnf Sterne Deluxe, der Punkrocker Schorsch Kamerun, ein Operntenor und natĂŒrlich Schlingensiefs Theatertruppe mit an Bord. In den beiden Waggons, in denen gedreht wird, hĂ€ngen Bilder von Helmut Kohl, Jesus, Hitler und Che Guevara an der Wand, Discokugeln baumeln von der Decke. Ansonsten sehen sie wie ganz gewöhnliche BVG-Waggons aus. Allerdings hat es die BVG nicht erlaubt, dass normale FahrgĂ€ste zusteigen. DarĂŒber wachen uniformierte BVG-Mitarbeiter an den TĂŒren.

Zwischenstopp am SĂŒdstern. Schlingensief, verfolgt von einem Kamerateam, stĂŒrzt sich auf einen Mann, der mit einer Bierdose auf dem Bahnsteig hockt. "Sie können jetzt ins Fernsehen kommen", ruft er ihm zu. "Na, dette kann ja nur ne' schwule Sendung sein", entgegnet der Dosenbiertrinker. Schlingensief trĂ€gt nĂ€mlich ein recht freizĂŒgiges Germanen-KostĂŒm, das aus Fellresten, etwas Wolle und einer Plastikfolie besteht. Womit wir schon beim Thema der Sendung wĂ€ren: Richard Wagner, die gleichgeschlechtliche Liebe und der Tod.

An der Berliner Straße steigt der Sprecher einer HIV-Selbsthilfegruppe ein, dem Schlingensief mit Gongschlag wie einst bei Robert Lembke genau eine Minute Zeit gibt, zu erklĂ€ren, wie "Hoffnung sich einstellt fĂŒr jemanden, der eigentlich schon tot ist". Der Sprecher erzĂ€hlt, dass er "dem Tod schon öfter ins Gesicht geschaut, aber nie Angst empfunden" habe, dann wird er von dem Operntenor unterbrochen, der "Oh du, mein holder Abendstern" intoniert. Man kann Schlingensief fĂŒr zynisch halten, weil er einem Aidskranken das Wort abschneidet. Aber so zynisch ist auch die Fernsehwirklichkeit, durch die wir uns tĂ€glich zappen. Bei Schlingensief ist das Fernsehen sozusagen schon fertig gezappt, wenn wir es einschalten. "U 3000" ist alles auf einmal: GesprĂ€chsrunde, Quiz, Gameshow, Sozialreport. Der totale Talk.

DER TAGESANZEIGER - Schweiz
Kein Quotenkasper in der U-Bahn

Christoph Schlingensief, das Enfant terrible des deutschen Theaters, macht wieder Fernsehen. FĂŒr MTV dreht er eine Serie, die in einem Berliner U-Bahn-Wagen spielt. Morgen Abend ist Premiere.

Rumms. Mit einem Krachen fĂ€llt die TĂŒr der U-Bahn zu. Wie eine Sektorengrenze wird sie fĂŒr die nĂ€chsten anderthalb Stunden geschlossen bleiben und dafĂŒr sorgen, dass die Geister Rudi Carells und Robert Lembkes, Rudi Dutschkes, Bert Brechts und Jean Baudrillards ungestört zusammen feiern können. Denn wir befinden uns in "U 3000", der ersten in einem fahrenden Waggon gedrehten Show der TV-Geschichte. Und natĂŒrlich wird dies keine "normale" Show - hier soll das System Schlingensief herrschen.

Doch vorerst hantieren die Techniker und KameramĂ€nner mit ihren GerĂ€ten, die gestresste Produktionsleiterin gibt letzte Anweisungen. FĂŒr MTV gilt es ein Spektakel zu inszenieren, in dessen Mittelpunkt der chaotische Regisseur und Politprovokateur Christoph Schlingensief steht. Einen wie ihn braucht der einstige Teenie-Sender, der nicht mehr nur Abspielkanal fĂŒr Musikvideos sein will, sondern mit Slogans wie "Hauptsache fit im Kopf" um die kaufkrĂ€ftige Zielgruppe der popinteressiert gebliebenen 29- bis 39-JĂ€hrigen wirbt. Dass es fĂŒr ungewöhnlichen Erfolg ungewöhnlicher Formate bedarf, hatte nicht zuletzt Konkurrenzsender RTL 2 mit "Big Brother" bewiesen - und dessen Werbegelder hat MTV im Visier. Doch Schlingensief ist eher "ein Fall" als ein berechenbarer "Produzent Ă€sthetischer Ereignisse", wie der Filmkritiker Georg Seesslen einmal notierte - zum braven Quotenkasper wird er sich kaum machen.

Der Zug setzt sich in Bewegung und von Schlingensief ist vorerst nichts zu sehen. Derweil nimmt Mario Garzaner auf einem improvisierten Minipodest Platz und versucht, die Stimmung im Waggon zu heben. Garzaner, ein regelmĂ€ssig auftauchendes Mitglied diverser Schlingensief-Produktionen, ist ein leicht irrer, aber als Moderator voll einsatzfĂ€higer Behinderter. Er legt sich ins Zeug, singt Schlager und sorgt dafĂŒr, dass sich die versammelten GĂ€ste und Journalisten mit "Christoph, Christoph, Christoph"-Chören schon mal die Kehle heiser schreien.

Und sie haben Erfolg: Nach zehn Minuten fliegt die TĂŒr der U-Bahn auf, und Schlingensief stĂŒrmt ins Abteil. Er brĂŒllt wirre Ansagen, fuchtelt mit den Armen, lĂ€sst einige BegrĂŒssungsformeln ahnen. Es ist ihm ernst mit dem Spass, und es sage niemand, der Wahnsinn habe nicht Methode: "Dies hier ist keine Prolo-Show", verkĂŒndet er und hĂ€lt wie eine heilige Schrift Herbert Marcuses "Konterrevolution und Revolte" von 1972 in die Kamera: "Was ist das "Revolte", warum sind wir hier im Untergrund, was wollten wir hier erreichen, was ist ĂŒber uns los, vielleicht ist der Potsdamer Platz zerstört, vielleicht gibt es Deutschland schon nicht mehr, wer will beurteilen was wirklich passiert ist. Ich habe wunderbare GĂ€ste dabei, die das beurteilen können."

Beispielsweise das linksrevolutionĂ€re Technokollektiv Atari Teenage Riot oder Roberto Blanco, SchlagersĂ€nger. Bis zu seiner Einladung hatte er von Schlingensief noch nie gehört. Wie wird er reagieren, wenn er im Duett mit Garzaner seine grössten Hits zum Besten geben soll? Wenn er im Wettbewerb mit den tuntigen Couturiers "Pompös" und einem Jungen aus dem Arbeiterbezirk Neukölln zum Eierlaufen in das GedrĂ€nge des Waggons geschickt wird - kurz: wenn er sich zum Idioten machen soll? Dabei war es Schlingensief selbst, der es einmal als "die Katastrophe der Talkshows" bezeichnet hatte, dieses "VorgefĂŒhrtwerden".

Auch Herbert Marcuse hat sich zeit seines Lebens mit Ă€hnlichen PhĂ€nomenen beschĂ€ftigt. Jener Philosoph, der als Einziger aus dem Kreis der Frankfurter Schule das Aufbegehren der 68er unterstĂŒtzte und stĂ€ndig der Frage nachging, wie Befehle ausfĂŒhrende Objekte zu eigenstĂ€ndig handelnden Subjekten werden können. Und weil in Zeiten von n-tv und Neuem Markt kein Hahn nach Marcuse krĂ€ht, tut es Schlingensief und inszeniert eine Show, in der gut aufgelegte Behinderte mit nicht Behinderten um die Wette entertainen, in der TV-Konditionierungen angerissen, um unverzĂŒglich gebrochen zu werden.

WĂ€hrend der Waggon der Untergrund-Linie 7 zwischen den Endstationen Britz und Spandau entlangrumpelt, lĂ€sst Schlingensief 30 Jahre deutscher Fernsehunterhaltung Revue passieren - als Farce, versteht sich. Dann karikiert Schlingensief das Helfersyndrom von "Der Grosse Preis" zusammen mit dem Trend zur Millionenshow, indem er der schlecht verdienenden Neuköllner Gastfamilie vorjubelt: "Ihr könnt heute keine zehntausend Mark gewinnen, keine fĂŒnfzigtausend und auch keine Million. Nein, ihr könnt heute eintausend Mark in bar mit nach Hause nehmen." Nicht immer ist das rundum lustig. Wie schon bei Schlingensiefs Filmen bleibt einem da schon mal das Lachen im Halse stecken. Wenn dann der Sohn der Gastfamilie die von Schlingensief in die Menge geworfenen FĂŒnfmarkscheine zusammenklaubt, wird deutlich, wie dĂŒnn die Grenze zwischen Parodie, Entertainment und Zynismus werden kann.

Wie die fertige Pilotfolge diese Ingredienzien mischen wird, ist noch nicht abzusehen. Und wie immer bei Schlingensief ist auch schwer einzuschĂ€tzen, wie sich die Serie im Verlauf ihrer Ausstrahlung entwickeln wird. Vorderhand scheint der Regisseur von einem "Theater der Grausamkeiten" auszugehen, wie es der KĂŒnstler und Theatertheoretiker Antonin Artaud entworfen hat. Der dachte in den Dreissigerjahren ĂŒber die Trennung von Zuschauerraum und BĂŒhne nach. Artaud postulierte, den Widerspruch zwischen der Darstellung des Lebens einerseits und dem entspannten Konsum anderseits aufzuheben. Schlingensief versucht jetzt, was Artaud skizzierte: die "falschen Schatten zerstören und die Bahn frei machen fĂŒr die Geburt anderer Schatten, um die sich das wahre Schauspiel des Lebens gruppiert".